Der Saxofonist David Murray, geboren 1955, wurde Mitte der siebziger Jahre vom Jazzpublizisten Stanley Crouch aus Kalifornien nach New York geholt, wo der ihn als Nachfolger von John Coltrane aufbauen wollte. Einige Jahre später wechselte Crouch die Seiten. Alles was nach Free Jazz roch, war ihm nun verhasst, alles, was nach Wiederbelebung einer ausgelaufenen Tradition klang, bejubelte er. Blues und Swing wurden zu Losungen und der Trompeter Wynton Marsalis zum neuen Helden. David Murray sieht sich als Opfer dieses Schwenks.
Mittlerweile lebt er mit seiner Familie in Paris.

Christian Broecking: Wie beurteilen Sie den Zustand der afroamerikanischen Community?

David Murray: In New Orleans sieht man doch ganz deutlich, was die amerikanische Regierung von den Menschen, die sie einst auf Boote holte, um sie zu Sklaven zu machen, heute hält. Es ist doch unglaublich, dass sich politisch nichts bewegt, wenn es um die Verbesserung der Lebensbedingungen für die afroamerikanische Bevölkerung geht. Vor allem, wenn man an das kulturelle Erbe der Stadt denkt, schuldet jeder Jazzmusiker auf dieser Welt New Orleans unendlich viel, jeder sollte spenden, denn man hätte ja gar keinen Beruf, wenn es diese Stadt und ihre Kultur nicht gegeben hätte.

Broecking: Hat der Ansatz, Jazz als Protestmusik zu begreifen, etwas bewirkt?

Murray: Mit allem, was ich tue, bin ich Protest, die Tradition der
schwarzen Musik ist der Widerstand. In Afrika waren die
Trommeln das Kommunikationsmedium, wir haben die Musik
als Widerstandsmedium auf eine neue Stufe gehoben.
Alles was wir erfunden haben, ist von anderen kopiert worden, so oft, dass viele nicht mehr wissen, wo die Basis ist: Wir, mein Volk, wir sind die Erfinder.

Broecking: Auf dem Cover Ihrer CD »Waltz Again« ist ein Hochzeitsfoto von Ihren Eltern aus dem Jahre 1949 abgebildet. Ihr Vater liebte es, Gitarre zu spielen und Walzer zu tanzen, berichten Sie in den Liner Notes. Sie sind in der Kirche Ihres Vaters aufgewachsen – was ist davon geblieben?

Murray: In Paris gehe ich zwar nicht in die Kirche, aber sonntags höre ich zu Hause gern Gospelplatten. Und wenn ich in Texas war, in Midland, wo mein Vater lebte, besuchte ich ihn in seiner Kirche. Ich wuchs in einer Kirche auf, sie ist immer in mir drin. Wenn ich nach Midland kam, dachten die Leute, denen ich begegnete, zuerst an meine Mutter, sie war Pianistin und leitete die Band und den Chor der Kirche. Wenn sie mich nun sahen, wollten sie natürlich, dass ich etwas für sie spiele. Ich bin echt ein Traditionalist, was die Kirche angeht. Da wird gebetet und gesungen, so wie es schon immer getan wurde.
Ich habe andere Religionen ausprobiert, aber ich bin immer wieder zurückgekehrt. Ich liebe die Spiritualität, die Dichte, die Forschung. Besonders in Coltranes Musik. Als ich begann, Marihuana zu rauchen, also so mit zwölf, da hörte ich zum ersten Mal »A Love Supreme«. Das war damals so. Alle waren bekifft und hörten Coltrane und Grateful Dead.

Broecking: Später sind Sie auch mit Grateful Dead zusammen aufgetreten.

Murray: Diese Band hat sich ihr Publikum in jahrelanger Kleinstarbeit herangezogen. Sie operieren wie eine Jam-Band und improvisieren sehr viel – sie jammen in der ersten Stunde wie man es etwa von George Clinton kennt, doch danach beginnt erst das richtige Konzert. Und auch wenn man die Musik nicht besonders mag, sieht man, dass diese Jungs mit dem ganzen Herzen dabei sind. Das Publikum ist bereit, selbst für mein Saxofon. Einmal habe ich die Band zu einem Konzert meines Quartetts beim San Francisco Jazz Festival eingeladen, und sie kamen nachher in die Garderobe und waren total verblüfft.
Denn sie erkannten viele Leute in meinem Publikum – Ärzte, Lehrer, Anwälte, Intellektuelle aus ihrer Nachbarschaft – und sie erzählten dann, wie gerne sie mein Publikum auch in ihren
Konzerten sehen würden. Und ich sagte, dass ich ihr Publikum auch nicht verachten würde, und das Geld, das sie mit ihren Konzerten verdienen. Aber so ist es im Leben, Geld ist nicht, was wirklich zählt.

Broecking: Was inspiriert Sie?

Murray: Mir geht es darum Probleme zu lösen. Ich reise nach Kuba, inhaliere den Geschmack der Kultur, komme zurück und schreibe neue Musik.

Broecking: Wie gleichberechtigt läuft der musikalische Austausch?

Murray: Ich möchte afroamerikanische Jazzmusiker mit Musikern
aus Martinique oder Kuba zusammenbringen. Man kann auf verschiedenen CDs überprüfen, was aus diesen Begegnungen musikalisch geworden ist. In diesem Kontext ist Jazz Unterrichtswerkzeug und Handelsgut zugleich: Ich bringe mich bei interkulturellen Projekten mit dem Jazz ein, das ist ein fairer Deal, keine Ausbeutung. Ich habe erlebt, dass gerade Afroamerikaner von der Diskussion über ethnische Herkunft und Authentizität sehr verwirrt wurden, dies sehr spezielle Walk-that-walk-talk-that-talk-Getue ist nicht meine Sache. Ich bin an den Schöpfern und Meistern interessiert, ich reise lieber nach Afrika, um selbst zu erkunden, wie sie es da machen.

Broecking: Warum leben Sie in Paris?

Murray: Ich habe 23 Jahre lang in New York gelebt, bevor ich mich für Paris entschied. Viele Musiker ziehen nach Europa, weil sie es in den USA nicht schaffen. Bei mir ist es ein bisschen anders – ich habe alle Auszeichnungen bekommen, die man sich wünschen kann, und danach war es Zeit für mich zu gehen. Europa ist vor allem ein anderer Lebensstil.

Broecking: Wie gehen die Europäer mit dem Jazz um?