ZEIT online: Was ist passiert, nachdem Ihre Callcenter-Reportage im ZEITmagazin LEBEN erschienen ist?

Günter Wallraff: Seit der Veröffentlichung haben sich schon mehr als hundert Betroffene bei mir gemeldet. Das hat mich überrascht, denn als ich für meine erste Reportage Insider aus der Branche gesucht hatte, hat sich so gut wie keiner gemeldet. Was ich aber am Erstaunlichsten fand: Es laufen bisher noch keine Klagen gegen mich. Stattdessen kommen heute die Betreiber auf mich zu und geben vor laufender Kamera zu: "Es stimmt, die ganze Branche ist mehr oder weniger auf Betrug aufgebaut - aber wir sind die Saubersten! Es gibt noch viel Schlimmere!" Die Arbeitgeber haben offenbar kein Unrechtsbewusstsein.

ZEIT online: Nach dem anschließenden Medienecho zu schließen haben Sie mit ihrem Bericht offenbar einen Nerv getroffen.

Wallraff: Es gibt so viele Menschen, die von den Auswirkungen der Branche betroffen sind. Jeder kennt jemanden, der mit mehreren Anrufen pro Tag genervt oder auch schon geprellt worden ist. Vor allem alte Menschen sind diesem Treiben schutzlos ausgeliefert. Altenheime werden systematisch abgegrast. In ihrer Einsamkeit freuen sich die Senioren, dass sich jemand scheinbar ihrer Probleme annimmt. Und merken dabei gar nicht, dass das "Ja" ihrer Verständigung als "Ja" zu einem Kaufabschluss gewertet wird. Und dann bekommen sie auf einmal Magnetstrommatten mit angeblichen Heilkräften für 2400 Euro. Ich kenne Leute, die dadurch in die Insolvenz und ins Elend getrieben worden sind.

ZEIT online: Auch die Mitarbeiter selbst werden ausgenutzt: Bei einer 40-Stunden-Woche verdienen sie im Schnitt 825 Euro brutto im Monat.

Wallraff: Die Callcenter-Agenten sind die neuen Arbeitssklaven. Die Abschlüsse sind auf Tafeln vermerkt und wenn der Agent sieht, dass er nicht mehr nachkommt, weil er zu anständig telefoniert, dann legt er natürlich einen Zahn zu. Das Infame ist, dass er letztendlich das volle juristische Risiko trägt, falls es zu einer Klage kommt. Denn die Firmen lassen sich von ihren Mitarbeitern häufig unterschreiben, dass diese sich an Recht und Gesetz halten. Aber wenn sie das tun, machen sie keine Abschlüsse. Es ist ein sich selbst regulierendes Kontrollsystem.

ZEIT online: Welche Auswirkungen hat das auf die Beschäftigten?

Wallraff: Die Leute, die dort arbeiten, kommen sich vor wie in einer Sekte. Sie unterziehen sich freiwillig einer Gehirnwäsche und merken es am Anfang gar nicht. Es ist ein so harter Job, dass die Krankheitsquote bis zu 35 Prozent beträgt, obwohl sie sonst in der Bevölkerung aus Angst vor Jobverlust deutlich gesunken ist. Jeder, der länger dort gearbeitet hat, berichtet von Kollegen, die Burn-out-Syndrome und Nervenzusammenbrüche hatten.

Drogen spielen ebenfalls eine große Rolle in der Branche. Ich weiß, dass einige Spitzenverkäufer aus Kölner Callcentern zwischendurch im Park Koks oder Crack nehmen, je nachdem, was sie sich leisten können. Das ist weit verbreitet, man muss ja gut drauf sein. Man muss so tun, als sei man auf der Gewinnerseite, dabei gehört man zu den Verlierern. Den Leuten geht es wirklich dreckig. Die meisten, die den Job länger gemacht haben, brauchen eine Therapie.