Jetzt ist es endlich offiziell. Die Todesurteile gegen die fünf bulgarischen Krankenschwestern und den palästinensischen Arzt, die seit acht Jahren in libyschen Gefängnissen sitzen, werden in lebenslange Haftstrafen umgewandelt. Die Entscheidung durch den Obersten Justizrat in Tripolis ermöglicht nun einen Gefangenenaustausch mit Libyen und die Bulgarinnen werden bald heimkehren – auf freiem Fuß.

Seit dem Wochenende haben Nachrichtenagenturen und Zeitungen im Stundentakt vermeldet, dass die Lösung im Streit um das Schicksal der sechs unmittelbar bevorstünde. Schon am Montagmorgen sollte ein von der Regierung kontrollierter Oberster Richterrat sein Verdikt sprechen, doch das Gremium machte es bis zum Dienstagabend spannend. Wohlgemerkt: Für die sechs Angeklagten ging es während der gesamten Zeit um Leben oder Tod durch Erschießen. War diese Verzögerung noch Teil des politischen Spiels, das Libyens Staatschef Muammar al-Gadhafi seit mehr als acht Jahren mit dem Westen treibt?

Die Chronik des Prozesses deutet darauf hin. Das Regime musste sich noch ein bisschen zieren, damit der Anschein einer unabhängigen Justiz gewahrt bleibt. Doch zugleich waren die libyschen Behörden in den vergangenen Tagen entwaffnend offenherzig, wenn es um den Schlüssel zur Lösung dieses Falles ging: Entschädigungszahlungen, Geld, Millionen. Noch vor einer Woche sprach Gadhafis Sohn Seif al-Islam wolkig von einer Einigung, die „alle Seiten zufriedenstellt“. Die Familien der 426 HIV-infizierten Kinder – 376 von ihnen sind noch am Leben – werden insgesamt mehr als 400 Millionen Dollar erhalten.

Ausgezahlt wird das Geld durch eine Stiftung namens Benghasi International, die im Jahr 2006 wohl auf Betreiben der Europäischen Kommission gegründet wurde. Woher das Vermögen dieser Stiftung stammt, ist noch nicht klar. Deutsche Medien berichten, der Fonds würde aus Mitteln der EU, der USA, Bulgarien und Libyen finanziert. Britische und US-amerikanische Zeitungen hingegen beziehen sich auf ein Interview, das Seif al-Islam der französischen Zeitung Le Figaro am vergangenen Samstag gegeben hat. Demnach sollen mehrere osteuropäische Länder, darunter auch Bulgarien, dem libyschen Regime Schulden erlassen haben, die noch aus der kommunistischen Ära stammen.

War der achtjährige Prozess, in dem die sechs Angeklagten zweimal zum Tode verurteilt wurden, also wirklich nur ein Schauprozess, der mit einem Kuhhandel endet?

Muammar al-Gadhafi, dem Diktator und ehemaligen Terrorpaten, ist mit dem gemäßigten Urteil, das über kurz oder lang darin münden wird, dass die sechs an Bulgarien überstellt werden, ein zusätzlicher Imagewandel gelungen – nach dem bereits 2002 Libyen die Verantwortung für den Attentat von Lockerbie übernahm. Aus dem international geächteten Schurken ist zwar noch immer kein ernst zu nehmender Staatsmann geworden, zumindest aber ein etwas verschrobener Patriarch, der immerhin keine Massenvernichtungswaffen mehr bauen will. Das ist, betrachtet man die geografische Lage seines Landes, ja schon ein Fortschritt.