Ein paar Mausklicks – und Mario ist drin: in einer der Musiktauschbörsen wie eDonkey, Bearshare, E-Mule oder Limewire. Dort fahndet er nach Musikpiraten, dokumentiert bei Verdacht Tag und Zeit des Vorgangs sowie die Internetadresse. Das ganze geht dann an einen Anwalt, der einen Staatsanwalt einschaltet. Denn nur der hat das Recht, beim Internet-Provider die Identität des Nutzers zu erfahren. Dem drohen dann eine Strafanzeige und womöglich Schadenersatz.

Mario ist nur einer von rund 90 vorwiegend jungen Leuten, die bei ProMedia im Auftrag der Plattenindustrie von Hamburg aus das Internet nach Dieben durchforsten. Sie arbeiten in drei Schichten bis weit nach Mitternacht. Ihr Chef ist Frank Lüngen, der in besonders krassen Fällen auf Reisen geht, um die Verdächtigen gemeinsam mit der örtlichen Polizei dingfest zu machen. "Sie glauben nicht, welche Ausreden den Ertappten so einfallen," sagt Lüngen. Dann räumt er mit einem Vorurteil auf: "Nicht nur Jugendliche besorgen sich illegal Songs aus dem Internet." So hat er es auch mit biederen Hausfrauen, Rentnern oder Arbeitslosen zu tun.

Schmunzelnd erzählt er die Geschichte von einem Bauern aus dem Kreis Lüneburg. Die Suchaktion im Haus ergab: kein PC, nirgends. Wie das? Hatten sich die Rechercheure geirrt? Nein. Der Computer stand im Stall und diente dazu, die Fütterungsanlage für die Schweine zu steuern. In diesem Fall war es der Sohn des Bauern, der den Rechner dazu genutzt hatte, sich im Internet kostenlos Musik zu besorgen. Rund 2000 Songs hatte er dabei selbst zum Download freigegeben. Das brachte die privaten Ermittler auf seine Spur.

Vor fast vier Jahren startete Lüngen mit dieser Internet-Fahndung. Seither ist die Zahl der aus dem Netz gesaugten Lieder von rund 600 Millionen auf knapp 400 Millionen gesunken. Trotzdem kam es zu einem drastischen Geschäftseinbruch in der Musikindustrie. Der Umsatz der phonografischen Wirtschaft ist in Deutschland zwischen 1996 und 2006 von 2,7 auf 1,7 Milliarden Euro gesunken. Das hat bislang einem Drittel der Beschäftigten den Job gekostet. Auf legale Weise wurden im vergangenen Jahr nur 26 Millionen Singles heruntergeladen.

"Wir wollen Jugendliche nicht kriminalisieren oder Arbeitslose in die Ecke treiben," sagt ProMedia Anwalt Clemens Rasch. Deshalb verfolgen sie nur schwere Fälle und bieten den Ertappten zunächst immer einen Vergleich an. Mit dem Geld, das durch Schadenersatzforderungen hereinkommt, wird der Musikunterricht an Schulen unterstützt. Der fällt dort nämlich immer häufiger aus.

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