Was braucht ein neuer Staat? Ein Territorium, diplomatische Anerkennung, eine Fahne und eine Nationalhymne - um nur einige Zutaten zu nennen. Wäre alles nach Plan gelaufen, würden die Kosovaren jetzt wahrscheinlich ihre Unabhängigkeitsfeier vorbereiten. Doch bislang ist nur die Nationalhymne in Arbeit. Vor vier Wochen hatte die provisorische Regierung in Prishtina einen Wettbewerb ausgeschrieben, 985 Kompositionen sind seither eingegangen, eine Jury wird dem Parlament demnächst drei Entwürfe zur Abstimmung vorlegen. Doch ein Land, einen unabhängigen Staat zur Hymne gibt es bis auf Weiteres nicht.

Dem kosovarischen Premierminister ist die Ratlosigkeit anzusehen. Agim Ceku, ehemaliger UCK-Kommandant, der in Zivil immer noch etwas ungelenk daherkommt, führt im neu renovierten Amtssitz die Geschäfte der provisorischen Regierung. Er hatte seinen Landsleuten die Unabhängigkeit bis Ende Mai in Aussicht gestellt - eine unvorsichtige Verheißung. "Niemand von uns hat mit diesem Widerstand aus Russland gerechnet", sagt er. Niemand, nicht die Kosovo-Albaner, nicht die EU und auch nicht die USA.

So hatte der Fahrplan ursprünglich ausgesehen: Bis zum Frühjahr sollte der UN-Sicherheitsrat den Plan des finnischen UN-Sondergesandten Martti Ahtisaari absegnen, der für das Kosovo den Übergang vom UN-Protektorat in eine vorerst "eingeschränkte Unabhängigkeit" unter EU-Aufsicht vorsieht. Dass Wladimir Putin die slawische Solidarität mit Serbien beschwören und im Sicherheitsrat ein wenig auf die Bremse treten würde, damit hatte man in Washington, Brüssel, Berlin und Paris gerechnet. Lange, offenbar zu lange, war man in der EU und in den USA davon ausgegangen, dass man Moskau, wenn schon keine Zustimmung, so doch die Enthaltung bei der entsprechenden Resolution würde "abhandeln" können. Die Frage war nur, für welchen Preis.

Nun hat es den Anschein, als ob Putin in der Kosovo-Frage gar nicht mit sich handeln lassen will. Am Montag ließ sein UN-Botschafter Witali Tschurkin seine amerikanischen und europäischen Kollegen wieder mit einem Kompromissentwurf abblitzen. "Keine Unabhängigkeit des Kosovo ohne Zustimmung Serbiens" heißt die Losung in Moskau, wo man genau weiß, dass Serbien diese Zustimmung nie geben wird. Auch der serbische Ministerpräsident Vojislav Kostunica ließ am Dienstag bei einem Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel keine Kompromissbereitschaft erkennen. Einen Vorschlag der EU und der USA, auf Grundlage einer weiteren UN-Resolution in neue direkte Verhandlungen mit der kosovarischen Provinzregierung einzutreten, lehnte er strikt ab.

Nun stehen UN und EU vor einem Problem: Um den Abzug der UN-Mission im Kosovo (UNMIK) und den Antritt der EU-Mission auf eine völkerrechtliche Grundlage zu stellen, braucht es eigentlich eine Sicherheitsrat-Resolution. Die aber ist nicht in Aussicht, also zerbrechen sich die Experten derzeit die Köpfe über mögliche "prozedurale" Tricks, die die Staffelübergabe in Prishtina ermöglichen sollen, ohne die Frage des zukünftigen Status der Provinz zu berühren.

All das ändert nichts daran, dass die politische Atmosphäre unter den knapp zwei Millionen Kosovo-Albanern immer gereizter wird. In deren Augen verlieren die internationale Gemeinschaft wie auch die eigene Regierung mit jedem zusätzlichen Tag ohne eigene Nation an Glaubwürdigkeit.