Edmund Stoiber Der große Sträuber

Der scheidende bayerische Ministerpräsident fügt sich zwar in den Verlust des Amtes, will aber im Grunde weiterwirken. Dabei ist er schon jetzt ohne Macht.

Aller Abschied ist schwer – am schwersten vielleicht der von der Macht. Karl Popper hatte zwar recht, als er einmal notierte, der Vorzug der Demokratie liege wesentlich darin, dass man die gegenwärtige politische Führung unblutig wieder loswerden könne. Dieser Vorzug gilt aber nur für die Bürger – dem davongejagten Politiker blutet in der Regel wenigstens das Herz.

Als Winston Churchill unmittelbar nach dem Sieg über Hitler von seinen Wählern geschasst wurde, meinte seine Frau Clementine beim Frühstück nach der bitteren Wahlnacht: „Winston, this may be a blessing in disguise!“ – „Dammned well disguised!!“ Verdammt gut versteckt sei der verborgene Segen seiner Abwahl, fluchte der Kriegsheld. Wie recht seine Frau behalten hatte, sollte sich übrigens bald zeigen, nachdem Churchill dann 1951 nochmals für eine eher klägliche zweite Amtszeit erneut zum Premier gewählt worden war.

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Edmund Stoiber ist noch lange nicht so weit, dass er schon den verborgenen Segen eines rechtzeitigen Abschieds von der Macht erkennen könnte, obwohl er, zwanghafter Perfektionist auch in den entlegensten Dingen, schon so tut. Zugleich sucht er den Eindruck zu erwecken, er könne weiterhin Politik machen und bestimmen.

Oft versuchen Machthaber, die dem Abschied nicht mehr ausweichen können, wenigstens noch auf die Auswahl der Nachfolger Einfluss zu nehmen. Das geht dann oft genug doppelt schief. Zuerst wählen die politischen Hinterbliebenen des zahnlos gewordenen Löwen aus reinem Trotz einen anderen als den Wunschkandidaten, und hinterher zeigt es sich, dass diese Trotzreaktion eine Fehlentscheidung zur Folge hatte. Wie beim Abschied Adenauers: Er wollte um jeden Preis Ludwig Erhard als Nachfolger verhindern – und bekam ihn gerade deshalb serviert; mit dem Ergebnis, dass kurz darauf alle sahen: Der packt es nicht, der „Alte“ hatte doch recht! Das ist dann natürlich kein Trost, sondern eine Extraportion Bitternis für den längst ohnmächtigen Vorgänger.

Daran dürfte auch Stoiber kürzlich gedacht haben, zu spät freilich, als er seinem Minister Thomas Goppel zum Bezirksvorsitz der CSU in Oberbayern verhelfen wollte – vielleicht auch, um seinen sich schon sicher fühlenden Nachfolger in Partei und Regierung eine Laus in den Pelz zu setzen. Er hatte Pech, schon aus Daffke wählten die oberbayerischen Delegierten einen anderen. Wie hieß der noch?

Nun aber versuchte Stoiber all seine Vorgänger noch zu toppen. Er wollte nicht nur auf die personelle Seite der Nachfolge einwirken (ganz erfolglos), sondern durch seine letzte Regierungserklärung auch der künftigen bayerischen Staatsregierung bis weit ins nächste Jahrzehnt die Hand führen und sie auf sein Programm festlegen. Was das wohl bringt? Natürlich halten alle erst einmal fein stille, um Stoibers Abgang nicht in den letzten Wochen noch zu einem unkalkulierbaren Manöver werden zu lassen. Aber ist Stoiber erst einmal aus dem Amt und außer Sicht, wird er nichts mehr erzwingen können. Politik ist Handeln auf Sicht. Schon nach der nächsten Kurve sagt sich jeder: Neue Lage, neue Spiel.

Noch ist Edmund Stoiber der große Sträuber gegen den Gang aller Dinge. Umso härter wird hinterher die Einsicht in all das Vergebliche. Wenn ein neuer Papst inthronisiert wird, entzündet man vor seinen Augen einen Wollbausch und sagt dazu: Sic transit gloria mundi! So schnell vergeht der Ruhm aller Welt. Auch bei Politikern sollte man das so halten, wenngleich nicht nur direkt nach ihrer Wahl, sondern auch in dem Augenblick, in dem man sie wieder loswird, auf unblutige Weise.

 
Leser-Kommentare
    • CML456
    • 18.07.2007 um 11:20 Uhr

    Ich verstehe nicht, warum Journalisten sich zunehmend bemühen, beim Dahinscheiden oder Ausscheiden von Politikern eine lange Liste von tatsächlichen oder vermeintlichen Fehlschlägen und negativen Punkten von sich zu geben. Perfektion gibt es nicht (ich weiß: auch nicht bei den Journalisten!).
    Dr. Edmund Stoiber hat sehr viel Positives in Bayern bewirkt, das weit über die Grenzen Bayerns gewirkt hat (auch in Österreich und der Tschechischen Republik). Da wäre doch auch ein Wort des Lobes und des Dankes angemessen, oder?

  1. Das Aneinanderreihen von Negativa bietet sich im Falle Stoiber eben an, weil man da kaum etwas falsch machen kann. Oder können sie aus dem Stegreif ein einziges Positivum konkretisieren? Sehen Sie!

  2. Momentan scheint es so zu sein, dass es vor allem im Norden
    dieser Republik "in ist", MP Stoiber jeden Tag aufs Neue verächtlich zu machen. Es fing mit dieser Latex-Lady namens
    Pauli an, die es schaffte, dass Stoiber gehen musste. Schlimm ist vor allem: Stoiber hatte nicht den geringsten Rückhalt in seiner eigenen Partei. Historisch gibt es da eine Parallele. Dem damaligen Bundeskanzler Schmidt erging es ähnlich, als er den NATO-Doppelbeschluss umsetzen wollte: Die SPD ließ in fallen.

    Aber um wieder historisch zu werden: Der ehemalige Bundeskanzler Schmidt ist Teil unserer Geschichte, denn er war ein tüchtiger Regierungschef. Und ähnlich wird es auch für Stoiber kommen: Wenn er auch manchmal etwas patzte - er brachte Bayern ganz nach vorn. Und das wissen und schätzen die Bayern! Und die LATEX-Pauli: Die wird in der Rumpelkammer der Geschichte spurlos verschwinden.

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