Atomkraft Verspieltes Vertrauen
Vattenfall entlässt seinen deutschen Atomchef und beruft eine Untersuchungskommission ein. Trotzdem hat das Unternehmen mit seiner Pannenserie der Atomkraft sehr geschadet.
Das Personal auswechseln, womöglich Entschuldigungen formulieren, das genügt nicht, wenn Vertrauen verspielt wurde. Der Führung des Vattenfall-Konzerns ist das offenbar bewusst. Mindestens so interessant wie die Ablösung der deutschen Atomspitze ist daher die Einrichtung einer mit immerhin fünf Millionen Euro budgetierten Untersuchungskommission, die sich mit den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel befassen soll.
Der international anerkannte Reaktorsicherheitsexperte Adolf Birkhofer hat bereits zugesagt, an der Arbeit der Kommission teilzunehmen. Er ist ein Systematiker, nimmt jedes Detail ernst, und wenn er auch aus dem Lager der Kernkraftbefürworter stammt, so ist er doch der Physiker geblieben, den überprüfbare technische Aussagen mehr interessieren als Bekenntnisse. Die von Birkhofer in der Vergangenheit geleiteten Studien, etwa zur Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke, waren bahnbrechend und haben zu vielen technischen Veränderungen geführt, auch im Ausland. Er ist erfahren in der Leitung umfangreicher Studien, und deshalb (sowie aufgrund seines hohen Alters, Birkhofer ist 73) darf angenommen werden, dass er vorwiegend moderieren und Fragen stellen wird, anstatt selbst zu forschen. Außerdem bittet Vattenfall das Bundesumweltministerium, sich mit der Firma auf mindestens ein weiteres Mitglied der firmeneigenen Kommission zu einigen.
Das ist schon mal ein Anfang. Doch es muss noch mehr geschehen. Lobenswert, dass Vattenfall mittlerweile außerplanmäßige Vorkommnisse auf seiner Website veröffentlicht. Doch jedermann weiß, dass volle Transparenz nicht hergestellt werden kann - aus Gründen der Sicherheit ebenso sehr wie aus solchen der Konkurrenz. Es genügt freilich nicht, dass die Betreiber den Behörden alle ihre Karten zeigen; angesichts der Befürchtungen, die der Umgang mit Radioaktivität nun einmal weckt, sind weitere organisatorische Maßnahmen nötig, auf die sich der Bürger verlassen kann.
Noch mehr Gutachter und Prüfbeamte, die mit PCs und Klemmbrettern durch Werke und Büros huschen, würden freilich nur die Unübersichtlichkeit verschlimmern. Was also tun? Es wäre vielleicht daran zu denken, dass die Parlamente jener Bundesländer, auf deren Territorien Atommeiler summen, Kontrollausschüsse bilden, deren Mitglieder zur Geheimhaltung verpflichtet sind. Dort könnte dann auch über Sicherheitsthemen informiert und diskutiert werden, die in Zeiten des Terrorismus heikel sind. Die exekutiven Aufgaben wären davon unberührt, und die Opposition, gelangt sie an die Regierung, könnte sich informierter als bisher aufs Atomthema stürzen. Wie auch immer, sinnvoll ist in jedem Fall die Initiative der Bundesregierung und der baden-württembergischen Landesregierung, das System der deutschen Atomaufsicht im kommenden Jahr von der internationalen Atomenergiebehörde IAEA prüfen zu lassen.
Kann gut sein, dass Vattenfall mit dem jetzigen Vorgehen, wenn es denn konsequent beibehalten wird, seine Haut rettet. Die Diskussion um die Verlängerung der Laufzeit für Kernkraftwerke indes ist der Atomindustrie als Ganzer wieder entglitten. In den Vereinigten Staaten werden Kernkraftwerke nachgerüstet, bis ihnen eine höhere Lebensdauer genehmigt wird - das sind im Einzelfall bis zu 60 Jahre. So etwas ist nämlich leichter durchzusetzen als ein Neubau. In Deutschland indes sieht es so aus, als sei dieser Weg nun noch effektiver versperrt als schon zuvor.
- Datum 17.07.2007 - 05:51 Uhr
- Quelle ZEIT online
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...man muss nach wie vor immer wieder die mit Abstand wichtigste Frage stellen, die die Industrie so gerne versucht unter Detailbergen zu begraben: WO SOLLEN DIE GANZEN VERSEUCHTEN RÜCKSTÄNDE HIN? Es gibt auch nach Jahrzehnten schlichtweg keine Antwort darauf. Die deutschen "Endlager" zeigen bereits nach wenigen Jahre so schlimme Verfallserscheinungen (Stichworte: Wassereinbrüche, Kompression unter zu starkem Druck), dass es immer wahrscheinlicher wird, dass der ganze (übrigens völlig unkontrolliert in die betreffende Grube gekippte - nicht gestapelte!) Atommüll wohl demnächst für Milliardenbeträge wieder ausgebuddelt werden muss. (Nähere Auskünfte erteilt Umweltminister Gabriel, in dessen Wahlkreis die Grube pinkanterweise auch liegt.) Solange die oben genannte Frage nicht befriedigend geklärt wird, braucht man meiner Ansicht nach über die Zukunft der Atomkraft nicht zu diskutieren. Denn dann hat sie schlicht keine.
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