Chelsea Stars, Sternchen und schlechter Fußball
Der FC Chelsea tourt durch Kalifornien, Ballacks Kollegen treffen auf Beckham. Das müssen selbst Arnold Schwarzenegger und Paris Hilton sehen. Ein Bericht aus dem Trainingslager
Am Donnerstagnachmittag saß Roman Abramowitsch neben seiner jungen Freundin gemütlich auf dem Rasen und lächelte sein rätselhaftes Lächeln. So eine schlechte Chelsea-Mannschaft hatte der russische Ölmilliardär seit der Übernahme des Clubs vor vier Jahren bestimmt noch nicht gesehen. Aber erstens schien die Sonne hübsch über dem Platz der UCLA (University of California, Los Angeles) und zweitens waren die Blauen zum Glück ja gar nicht seine echte Mannschaft: Trainer José Mourinhos und seine Mitarbeiter (Assistenztrainer, Vereinsangestellte, Bodyguards) spielten gegen eine englische Journalistenauswahl.
Nach einer halben Stunde humpelte der erste Reporter mit einer Oberschenkelzerrung vom Rasen. Doch das verbissen geführte Match forderte noch ein weitaus prominenteres Opfer: Trainer Mourinho, der für die Blauen das Tor gehütet hatte, lag nach einer starken Parade gegen Ende der zweiten Hälfte bäuchlings neben seinem Kasten. Ein Betreuer signalisierte: Es geht nicht mehr. Der Portugiese musste beim Stand von 1:1 mit einer Muskelverletzung vom Platz. Ohne seine gewieften taktischen Anweisungen kam seine Truppe gegen das Presse-Team nur zu einem schmeichelhaften Sieg im Elfmeterschießen.
Aufregendere Ereignisse hat es auf der lockeren Werbe- und Trainingsreise des englischen Spitzenclubs kaum gegeben. Auch das Testspiel am Samstagabend gegen die Los Angeles Galaxy mit David Beckham vor 27.000 Zuschauern im ausverkauften Home Depot Center von Carson änderte daran nichts. Schon vor dem Spiel schätzte der
Daily Mirror
Beckhams neues Team als „Clown-Elf“ ein; selbst die seriöse
Times
sah den Verein „bestenfalls auf Zweitliganiveau“.
Dazu konnte Beckham sein Debüt aufgrund einer Knöchelverletzung erst nach 78 Minuten Spielzeit feiern. Im extra angefertigten Spezialschuh brachte es der Starstürmer auf ganze acht Ballkontakte. Jeder einzelne wurde stürmisch bejubelt. Ansonsten spielte Galaxy, der Vorletzte der amerikanischen Fußballliga (Major League Soccer), überaus harmlos. Nur dreimal schoss die Mannschaft auf das Tor des FC Chelsea. Am Ende setzte sich Mourinhos Mannschaft mit 1:0 durch. Den Treffer erzielte John Terry in der 49. Minute. Der Kapitän des englischen Nationalteams spielte mit einem gebrochenen Zeh, aber das gilt unter Engländern nicht als ernsthafte Verletzung.
Trotz der Niederlage versprühte Beckham Zufriedenheit: „Die Atmosphäre hier ist unglaublich, es war mir manchmal fast ein bisschen peinlich“, sagte der 32-Jährige, der vom spanischen Meister Real Madrid gewechselt war und der US-Liga mehr Glanz verleihen soll. Zu seiner Premiere kam sogar Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger ins Stadion. Zudem schauten die Schauspielerinnen Katie Holmes, Jennifer Love Hewitt und Eva Longoria vorbei. Die Prominentenfülle passte ganz gut ins übrige Trainingslagerprogramm der Londoner Fußballtruppe. Eine nächtliche Zusammenkunft mit Paris Hilton und anderen Hollywood-Sternchen auf dem Sunset Boulevard blieb jedoch ohne größere Zwischenfälle. Auch die Freundschaftsspiele gegen Club America (Mexiko) und die südkoreanischen Samsung Bluewings wurden in klassischer Chelsea-Manier - knapp und schnörkellos - gewonnen.
Nachdem Mourinho in der ersten Woche noch ein wenig Druck auf den verletzten Michael Ballack („er fängt bei Null an, sein Leben ist nicht einfach“) ausgeübt hatte, schien sich gegen Ende des 14-tägigen Betriebsausflugs kalifornische Gelassenheit im pinkfarbenen Beverly Hills Hotel auszubreiten. Mourinhos Versöhnung mit Abramowitsch, der ihn gegen Ende der Saison gerne gefeuert hätte, jedoch keinen Ersatz fand, hat den Klub zumindest zwischenzeitlich befriedet. „Ich bin glücklich mit dem Verein, glücklich mit der Struktur, glücklich mit der Unterstützung (durch den Vorstand) und mit der Kommunikation“, sagte Mourinho. Er schien das tatsächlich so zu meinen.
Dazu passt, dass die Vertragsverhandlungen mit Terry und Frank Lampard, die beide wie Ballack und Andreij Schewtschenko zehn Millionen jährlich verdienen möchten, kurz vor dem Abschluss stehen. Real Madrids energisches Werben um Flügelstürmer Arjen Robben sorgt bei den Londonern nur für ein müdes Achselzucken. Abramowitsch schloss in einem Telefonat mit Reals Sportdirektor Pedrag Mijatovic einen Wechsel des Niederländers kategorisch aus.
Auch die Personalie Ballack war im Grunde nur ein Medienthema. Die hier und da geäußerten Spekulationen, der deutsche Nationalmannschaftskapitän könnte der Leidtragende einer Rückkehr zum 4-3-3-System mit Flügelspielern sein, entbehren jeder Grundlage. Mourinho sieht ihn am liebsten als einen von drei zentralen Mittelfeldspielern, als vorderster Mann in einer Raute fühlte sich Ballack in der vergangenen Saison selbst nicht richtig wohl. Und der Franzose Florent Malouda, der für 22 Millionen Euro von Lyon geholt wurde, konkurriert als Spezialist für die linke Seite sicher nicht mit Ballack.
Die größten Probleme wird wie im Vorjahr Andreij Schewtschenko bekommen. Der Ukrainer machte in LA keinen guten Eindruck. Schwerfällig und unmotiviert lief er über den Rasen. Der Ex-Münchner Claudio Pizarro könnte ihn als Ersatzmann von Stammstürmer Didier Drogba verdrängen.
Für Ballack, der sich dem Vernehmen nach ein Karriereende in den Staaten vorstellen kann, gilt es genau wie für Beckham, so schnell wie möglich fit zu werden. Seine Wunde über dem Sprunggelenk schmerzt noch immer. Eigentlich hat Mourinho meist wenig Geduld mit verletzten Spielern, aber dieses Mal könnte er ein bisschen mehr Mitgefühl beweisen. Der Trainer leidet ja zurzeit selbst an seiner Trainingsverletzung.
- Datum 25.07.2007 - 13:00 Uhr
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