Contra: ARD und ZDF haben falsch entschieden!

Mit der Tour de France ist es ein wenig wie mit BSE: In dem Moment, da das Fleisch besser denn je kontrolliert wird, hören die panischen Deutschen auf, es zu essen. Dopingfrei verlief das gigantische Radrennen durch Frankreich wahrscheinlich noch nie. Schon in den vierziger Jahren rühmten sich die Fahrer der Einnahme diverser Drogen-Cocktails.

Die diesjährige Tour ist vermutlich die sauberste seit Jahren: Die Doping-Kontrollen wurden verschärft und weniger vorhersehbar gemacht. Die Fahrer haben sich vertraglich verpflichtet, clean zu bleiben und haften dafür persönlich, auch mit ihrem Gehalt. Dass nun dennoch ein deutscher Rennfahrer erwischt worden ist, spricht vor allem für die Effektivität und Rigidität des neuen Kontrollsystems. Mit anderen Worten: Man kann nicht erst eine lückenlose Aufklärung fordern - und sich dann beim ersten Fund erschrocken abwenden.

Die Entscheidung von ARD und ZDF ist nicht nur unverhältnismäßig, sie ist anmaßend. Was kommt als nächstes? Beendet die ARD etwa auch ihre Bundesligaberichterstattung, wenn bei irgendeinem 26-jährigen Burschen aus Fulda ein erhöhter Testosteronwert festgestellt wird? Überhaupt: Was ist mit Olympia? Dopingexperten können furchtbare Geschichten erzählen von chinesischen Mädchen, denen schon in Kindesjahren Männerhormone verabreicht werden.

Nicht zuletzt: Die Kommentatoren, die das Radrennen gegenwärtig in eine Ecke stellen wollen - mit anderen künstlichen Sportarten wie Schlammcatchen oder Truckfahren - ­ verkennen deren globale Relevanz, deren Tradition und Bedeutung. Die Tour de France ist das drittgrößte Sportereignis der Welt. Sie hat zahlreiche Länder und mehrere Generationen begeistert. Sie zu verstoßen, nur weil es gerade populär ist, zeugt nicht unbedingt von Verantwortungsbewusstsein. Wichtige Kulturgüter sollte man bewahren, auch wenn's schwer fällt und sie sündenbehaftet sein sollten - denn selbst die katholische Kirche hatte schon ihre Krisen.