Die Lüge dürfte etwa 500 000 Euro kosten. 500 000 Euro, so hoch ist annähernd das Jahresgehalt von Patrik Sinkewitz beim Radsportteam T-Mobile, und diese Summe hat der 26-Jährige aufs Spiel gesetzt. In den Wochen vor der Tour de France hatte Sinkewitz, wie in den folgenden Tagen alle anderen Fahrer der Frankreich-Rundfahrt auch, eine Erklärung unterzeichnet, in der er sich zur Zahlung seines Jahresgehaltes verpflichtete, sollte er das Reglement verletzt haben. Nach Lage der Dinge hat er.

Am Mittwoch, eine Stunde vor Etappenstart, gab der Bund Deutscher Radfahrer bekannt, dass eine am 8. Juni im Trainingslager genommene Probe einen erhöhten Testosteronwert aufweist, sechs Mal höher als der zulässige Grenzwert; Testosteron hilft beim Muskelaufbau. Sollte die zweite, die B-Probe, den Wert bestätigen, dann hat Patrik Sinkewitz – allen Dementis zum Trotz: „Ich? Wieso ich. Davon weiß ich nichts. Das kann nicht sein“ – gedopt.

Der nächste also? Nur ein weiterer Betrüger? Weit mehr. Der Fall Sinkewitz ist der Gau, der Super-Gau des Radsports, er hat die Kraft, dem Profiradsport den Garaus zu machen. Entsprechend fielen die Reaktionen der Betroffenen und Beteiligten aus. Brian Holm, Sportlicher Leiter des T-Mobile-Teams, berichtet von Reaktionen der Teamkollegen, die die Nachricht vom Betrug in den eigenen Reihen im Bus auf der Fahrt zum Start der zehnten Etappe erfuhren: „erst Entsetzen, dann grenzenlose Wut“.

Die Teamleitung suspendierte Sinkewitz umgehend, ARD und ZDF stellten ihre Berichterstattung ein – und Christian Frommert, Sprecher des T-Mobile-Konzerns und in dieser Funktion seit einem Jahr, seit Jan Ullrichs Entlassung, so etwas wie ein Dauerkrisenmanager, eilte vor die Fernsehkameras. „Keine Schnellschüsse, erst einmal sollen die Fahrer aus Frankreich zurückkommen“, sagte er neben vielem anderen, was ja durchaus Überlegungen beinhaltet, dass sich der Konzern am Ende dann doch von der wohl verlogensten Sportart der Welt zurückzieht. „Das war eindeutig ein Tiefschlag für unser Programm“, sagte Frommert. „Wir können sicher nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“

Sie waren angetreten, den Radsport zu erneuern, ihn zu befreien vom Ruf des Betruges. Dazu hat das Team auf Transparenz gesetzt, hat appelliert, sanktioniert und eigene teaminterne Dopingtests eingeführt. Die gehen mit ihren Blutvolumenmessungen weit über die üblichen Tests der Dopingfahnder hinaus, nur dem Testosterondoping spüren sie nicht nach. Was keine Unterlassung ist, sondern Aufgabengebiet der Anti-Doping-Agentur Nada. Und sie hatten Bob Stapleton zum Manager gemacht, einen Quereinsteiger, der mit Radsport vorher nicht viel zu tun hatte und unverbildet die Sache anging. Sie hatten Rolf Aldag zum Sportlichen Leiter gekürt, einen geständigen und wahrscheinlich reuigen ehemaligen Doper. Aber vor allen Dingen hat das T-Mobile-Team versucht, eine andere Mentalität heranzuziehen, hat junge, vermeintlich unbelastete Fahrer gesucht und den sportlichen Sieg herabgestuft zur Nebensache.

Mit diesem Programm hatten sie sich Feinde gemacht in der Radsportszene, aber auch schon Mitstreiter gefunden, das Team Gerolsteiner etwa und die französischen Teams. Diese noch kleine Schar verströmte schon einen frischen Charme und die Aura der Aufrechten. War man nicht schon wieder bereit, den Radsport vom Generalverdacht freizusprechen? Als sich in London am Tag vor dem Tour-Start die Teams vorstellten, da standen auch die von T-Mobile auf der Bühne, unbeholfene, fast schüchterne Jungs. Und wenn man mit ihnen sprach, auch mit Patrik Sinkewitz, schaute man in offene Gesichter, die auch mal lachten. Gerne war man bereit, diese Unbekümmertheit als Ausdruck des Stolzes auf den neuen Weg zu werten.

Gab es nicht genug Zeichen, dass es inzwischen zwei Lager im Radsport gab, da die Bösen, die Ewiggestrigen, die Betrüger und Verleugner, und hier die Guten, vielleicht Verlierer, aber ehrliche und fröhliche Verlierer? Auch in London, noch vor dem Start, wurde diese Spaltung manifestiert, als die Vertreter von T-Mobile, vom Team Gerolsteiner und den französischen Mannschaften den Bruch mit den Rest der Team-Vereinigung suchte und vollzog. Und es war doch auch schön, dass es deutsche Sportler sind, die in vielen, vielen Jahren in vielen Sportarten im Doping führend waren und nun den Anti-Doping-Kampf anführten.