Die Bemühungen um das Leben der zweiten ins afghanische Bergland verschleppten Geisel gehen nach dem Tod des deutschen Ingenieurs weiter. Ein von den Kidnappern freigelassener Afghane sagte der Polizei, der Deutsche und vier weitere mit ihm entführte Afghanen seien noch am Leben. Zudem soll es laut Medienberichten am Wochenende einen Telefonkontakt zwischen der noch lebenden deutschen Geisel und einem Mittelsmann der Behörden gegeben haben.

Die Leiche des getöteten Ingenieurs wurde am Sonntagabend nach Kabul gebracht. "Nach erstem Augenschein durch deutsche Beamte weist der Leichnam Schusswunden auf", bestätigte der Sprecher des Auswärtigen Amtes Berichte afghanischer Behörden. Nach Informationen von Spiegel online wurde dem Mann mehrmals in die Brust geschossen. Das hätten Beamte des Bundeskriminalamts (BKA) nach einer ersten Untersuchung der Leiche am Sonntagabend in Kabul gemeldet. Ob der Mann durch die Schüsse starb oder bereits tot war, als auf ihn gefeuert wurde, ist bislang noch unklar.

Der Sprecher des Gouverneurs von Wardak schloss nicht aus, dass der Ingenieur auf einem strapaziösen Fußmarsch durch die Berge Afghanistans zusammengebrochen war und seine Entführer später auf ihn feuerten. Der Leichnam des Mannes soll nun möglichst schnell nach Deutschland übergeführt und dort obduziert werden. "Wir wollen Gewissheit über die Todesursache haben", sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

Nach ZDF-Angaben handelt es sich bei dem Toten um einen 44-Jährigen aus Teterow in Mecklenburg-Vorpommern. Die zweite deutsche Geisel soll nach Informationen der Süddeutschen Zeitung angeblich aus Ottobrunn bei München stammen. Die beiden sollen für die Baufirma KBC-Kabul Berlin Corporation gearbeitet haben. Sie waren zusammen mit fünf Afghanen am Mittwoch entführt worden.

Beobachter in Kabul schlossen nicht aus, dass eine Stammesfehde Hintergrund der Entführung ist und die Kidnapper es ursprünglich auf den inzwischen freigelassenen afghanischen Ingenieur Eshak Noorzai abgesehen hatten. Noorzai ist der Bruder des stellvertretenden Parlamentssprechers Arif Noorzai und gehört einer prominenten, wohlhabenden und mächtigen afghanischen Familie an.

Steinmeier zeigte sich empört darüber, dass das Schicksal der Geiseln von den radikal-islamischen Taliban instrumentalisiert worden sei. Damit bezog er sich auf Äußerungen eines Sprechers der Islamisten, der behauptet hatte, dass die beiden deutschen Ingenieure von den Taliban entführt und nach Ablauf eines an Berlin gerichteten Ultimatums zum Abzug der deutschen Truppen ermordet wurden. Eine entsprechende Mitteilung auf der Internetseite der Taliban wurde bis Sonntag wieder aus dem Netz genommen.

In Deutschland wollen Politiker von Regierung und Opposition am Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan festhalten. Bundeskanzlerin Angela Merkel schloss im ARD-Sommerinterview auch die Entsendung von weiteren Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan nicht aus. Derzeit sind insgesamt rund 3000 deutsche Soldaten in Afghanistan stationiert. Die Mandate für die Internationale Schutztruppe ISAF und die Tornado-Aufklärungsflugzeuge der Bundeswehr laufen Mitte Oktober aus. Der Bundestag entscheidet vorher über die Verlängerung.