Der letzte afghanische König Zaher Shah ist gestern im Alter von 92 Jahren in Kabul gestorben. Zwar hatte der greise Ex-Monarch schon lange keine politische Macht mehr, dennoch ist sein Tod zum jetzigen Zeitpunkt für das afghanische Volk ein Unglück. Viele Afghanen haben angesichts der sich ständig verschlechternden Sicherheitslage die Hoffnung aufgegeben, dass sich das Schicksal des Landes doch noch zum Besseren wenden könnte.

„Zaher Shah war ein moderater König und eine der wenigen Integrationsfiguren, die dieses Land noch hatte“, sagte der afghanische Außenminister Rangin Dadfar Spanta ZEIT online gestern am Telefon. Dadfar Spanta lobte den Ex-König nicht nur für seine fortschrittliche Politik in der Vergangenheit – unter ihm wurde in Afghanistan die konstitutionelle Monarchie eingeführt und der Schleierzwang für Frauen abgeschafft. Sondern auch für seine Rolle in der Gegenwart. „Er verzichtete nach der Petersberg-Konferenz 2001 auf die Macht und war deshalb beim Volk sehr beliebt“, sagte Dadfa Spanta. Präsident Hamid Karzai traf daher die Gefühle vieler, als er am Montagmorgen mit Tränen in den Augen verkündete: „Mit großer Trauer will ich meine Mitbürger darüber informieren, dass Seine Exzellenz Mohammed Zaher Schah, Vater der afghanischen Nation, an diesem Morgen um 05.45 Uhr gestorben ist.“

In der Tat galt es den Afghanen als glückliches Omen, als der frühere König nach dem Sturz der Taliban 2002 aus dem Exil in seine Heimat zurückkehrte. Dabei war Zaher Schahs 40-jährige Regierungszeit wohl eher ein Interregnum in der von gewalttätigen politischen Umbrüchen nicht gerade armen afghanischen Geschichte. 1933 wurde Mohammad Zaher Shah im Alter von nur 19 Jahren zum König ausgerufen, nachdem der junge Prinz mit ansehen musste, wie sein Vater Nadir Shah erschossen wurde. „Ich wollte nie König werden“, sagte Zaher Shah der britischen Journalistin Christina Lamb im Exil in Rom. Vermutlich ist es vor allem diese Ambitionslosigkeit, die ihn bei den Afghanen so beliebt macht. Denn vor und nach ihm sind fast alle afghanischen Herrscher mit Gewalt an die Macht gekommen.

1973 wurde Zaher Shah von seinem Cousin Mohammad Daoud gestürzt. Er befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade in ärztlicher Behandlung in Rom und kehrte von dort nicht in seine Heimat zurück. Wie seine Enkelin Homaira sich erinnert, hatte es schon lange Gerüchte um Daouds Pläne gegeben, doch Zaher Shah hatte immer betont: „Mein Cousin würde mir nie einen Dolchstoß versetzen.“ 1978 wurde auch Daoud in einem vom KGB mitinitiierten Coup ermordet, dem 1979 die sowjetische Invasion in Afghanistan folgte. Der darauf folgende Widerstandskampf verschiedener Mujaheddin-Gruppen entwickelte sich zu einem Bürgerkrieg, der in der Atmosphäre des Kalten Kriegs zu einem Stellvertreterkrieg zwischen Ost und West wurde. Erst der Sieg der radikal-islamischen Taliban beendete 1995 den Krieg aller gegen alle am Hindukusch.

All diese Jahre verbrachte Zaher Shah in Rom. Dort lebte er nach den Erinnerungen seiner Enkelin das Leben eines glücklichen Pensionärs. „Er hatte ein einfaches Leben, ging viel spazieren und fuhr täglich ins Café de Paris in der Via Veneto, um Cappuccino zu trinken.“ In die afghanische Politik mischte er sich nicht ein. Zwar gab es während der Widerstandszeit mehrere Gruppierungen, die sich für eine Wiedereinführung der Monarchie starkmachten – vor allem Pir Sayed Ahmad Gilanis gemäßigte Nationale Islamische Front. Doch Zaher Schah sprach laut Prinzessin Homaira „nie davon, die Monarchie restaurieren zu wollen. Er hat immer gesagt, es muss jemand Besseres als ich das Land führen.“

Auch zu den Taliban äußerte er sich nie. Dabei stammte die radikal-islamische Bewegung und ihr Führer Mullah Mohammad Omar aus Kandahar – so wie die Durrani-Dynastie, die 300 Jahre zuvor von der südafghanischen Stadt aus ihren Siegeszug angetreten hatte. Doch der letzte Durrani-König versuchte nicht, Einfluss auf sie und den Gang der Geschichte zu nehmen. Anders als Hamid Karzai, der ebenfalls Kandahari ist und zum selben paschtunischen Stamm gehört. Karzai unterstütze zunächst die Gotteskrieger, wandte sich aber einige Jahre später desillusioniert von ihnen ab und ging in die USA.