Wem in diesen Julitagen die großen Events fehlen, wer sich wehmütig an das Fußball-Sommermärchen des vergangenen Jahres erinnert oder an die Love Parade, die traditionell in diesen Tagen durch Berlin zog, kann sich nun mit einer Großveranstaltung trösten, die kaum weniger exotisch und bunt ausfallen wird wie seinerzeit die Techno-Dauerparty im Tiergarten: Nächstenliebe statt Love Parade heißt die Devise, rote Roben statt Raver-Outfit. 30.000 Fans fernöstlicher Weisheit werden in Hamburg erwartet, um IHM zuzujubeln, seiner Heiligkeit persönlich, dem "Gott zum Anfassen", wie ihn der (sonst so religionskritische) Spiegel feiert. Kein Zweifel, der Dalai Lama, der am vergangenen Donnerstag zu einem zehntägigen Besuch nach Deutschland gekommen ist , ist derzeit der größte Popstar der Innerlichkeit. Und wenn der "Ozean des Mitgefühls" in Hamburg seine Belehrungen gibt, dann wird daraus prompt ein Happening mit Konzerten, Tibet-Filmwochen, Ausstellungen und Diavorträgen, das zwar weniger rauschhaft, aber mindestens so bewusstseinsverändernd wird, wie einst die (nun ins Ruhrgebiet abgewanderte) Love-Parade.

Doch was zieht die Massen nach Hamburg? Sind es wirklich die fünftägigen Unterweisungen des Dalai Lama in den "400 Versen über die Übungen auf dem Weg zur Erleuchtung", über einen altindischen Text aus dem 2. Jahrhundert von Meister Aryadeva? Eher weniger, die Kommentare - "zum Teil auf hohem philosophischem Niveau", wie es im Programm heißt - wissen wohl nur eingefleischte Buddhisten zu schätzen. Die meisten Besucher dürften eher aus denselben Motiven anreisen, mit denen sich auch die Faszination von Kirchentagen und Papstbesuchen erklären lässt. Man sucht nach einer Spiritualität zum Anfassen, will die religiöse Leerstelle füllen, die die aufgeklärte Moderne hinterlassen hat. Selbst Jürgen Habermas diagnostiziert neuerdings ein "Bewusstsein von dem, was fehlt", spricht von der "Melancholie angesichts eines unwiederbringlich Verlorenen". Da kann die Gemeinschaft mit anderen Sinnsuchern durchaus ein Gefühl der Geborgenheit vermitteln, wenigstens eine Ahnung davon, was es heißen könnte, sich in einem religiösen Glauben aufgehoben zu fühlen, dessen Selbstverständlichkeit nicht - wie so vieles in der postmodernen, postsäkularen Gesellschaft - ständig hinterfragt werden muss.

Und wer wäre als Projektionsfläche für solche Wünsche besser geeignet, als der charismatische Religionsführer aus Tibet, ein politischer Flüchtling und Friedensnobelpreisträger, ein Mönch mit freundlichem Lächeln und unverwüstlichem Humor, der frühmorgens fünf Stunden meditiert und danach als Politiker für sein unterdrücktes Volk kämpft, ein moderner Heiliger, der so märchenhafte Titel wie "wunscherfüllendes Juwel" trägt? Sicher, Tenzin Gyatso, wie der 14. Dalai Lama mit bürgerlichem Namen heißt, ist ein Mensch von ungewöhnlichem Format, eine Ausnahmefigur wie Nelson Mandela oder Mutter Theresa. Laut der jüngsten Umfrage des Spiegel sehen in ihm sogar mehr Deutsche ein Vorbild als in Benedikt XVI, dem ersten deutschen Papst seit fast fünfhundert Jahren. Und warum sollte eine Begegnung mit dem buddhistischen Lehrer (tibet.: Lama ) nicht inspirierend wirken, beispielgebend und richtungsweisend? Doch der Kult um die Person des "ozeangleichen" (= Dalai ) Lama ist nicht nur für aufgeklärte Westler irritierend, sondern auch für viele Buddhisten.

Denn zunächst ist der Dalai Lama nicht, wie manche meinen, das Oberhaupt aller Buddhisten, sondern nur der wichtigste Vertreter des tibetischen Buddhismus . Genau genommen repräsentiert er sogar nur eine der vier tibetischen Schulen, die Gelugpa- oder Gelbmützen-Schule. Die anderen Schulen haben eigene, hohe Würdenträger, die von ihren Schülern nicht minder verehrt werden (im Westen aber sehr viel unbekannter sind). Und der tibetische Buddhismus insgesamt ist nur eine von vielen verschiedenen Ausformungen einer Religion, die auf Sri Lanka, in Thailand, Kambodscha oder Japan ganz andere Entwicklungen genommen hat. In Tibet traf der aus Indien kommende Buddhismus im 7. Jahrhundert auf die einheimische Bön-Religion (die zum Beispiel auch bestimmte Berge als heilig ansah); aus der Verschmelzung dieser Traditionen entstand eine Form des Buddhismus, die sich bis heute viele mystische Elemente bewahrt hat, die in anderen buddhistischen Schulen (etwa der nüchternen Zen-Variante) völlig unbekannt sind, bisweilen sogar belächelt werden.

Es ist bemerkenswert, dass ausgerechnet die exotische tibetische Form des Buddhismus im aufgeklärten Abendland auf so große Resonanz stößt. Zum Teil hängt dies sicher mit dem charismatischen "Frontmann" der Tibeter zusammen, mit seiner Ausstrahlung und seinem Geschick, einfache Gläubige ebenso für sich einzunehmen wie Politiker und Wissenschaftler. Doch vielleicht steckt hinter der Faszination der Westler für die fremden Rituale auch eine geheime Sehnsucht nach dem Mystischen, Irrationalen, die viele aus ihrem Alltag so erfolgreich vertrieben haben. Es kann jedenfalls durchaus vorkommen, dass "modern" denkende Zeitgenossen, die den Glauben an Papst und Sakramente als überkommen, verstaubt und voraufklärerisch ablehnen, die Marias unbefleckte Empfängnis und Christi Auferstehung für katholischen Hokuspokus halten, sich umso vehementer in die Arme der tibetischen Mystik werfen, plötzlich "Zuflucht" nehmen zu "Chenresig", dem tausendarmigen Buddha des Mitgefühls, und an die Reinkarnation glauben. Der Wunsch nach ein bisschen Magie im nüchternen Alltag scheint ein tiefsitzendes Bedürfnis zu sein. Und wer darüber lächelt, braucht sich nur daran zu erinnern, dass der weltweit populärste Buch- und Kinoheld derzeit ausgerechnet ein Kinderzauberer namens Harry Potter ist.

Es ist daher durchaus ernst gemeint, wenn der Dalai Lama seine westlichen Fans immer wieder darauf hinweist, sie mögen sich doch erst einmal mit ihrer eigenen, vertrauten Religion befassen, bevor sie sich den fremden Ritualen zuwenden, die aus einem völlig anderen Kulturkreis stammen. Natürlich steckt hinter solchen Aussagen nicht nur die Sorge vor einem unsteten Spiritualitätshopping, sondern auch eine feine Diplomatie. Der Dalai Lama weiß genau, wie misstrauisch er von der westlichen "Konkurrenz" betrachtet wird, von den christlichen Kirchen, die um ihre Schäfchen fürchten.