Kinderlieder versehen wir gern mit Attributen wie simpel, naiv, nebensächlich. Beim zweiten Hinsehen aber wird es in kindbezogenen Versen, Reimen, Liedern und Gedichten jedoch quicklebendig. Nichts, aber auch gar nichts wird ausgespart! Im Gegenteil: Der Formelschatz der Lyrik wird nur kräftiger, bunter und facettenreicher dadurch, dass der Blick auf Kind, Kindsein, Kinderwelt geht. Oft sind es schlichte Zeilen, die der Mensch ein Leben lang, meist unbewusst, mit sich trägt und die dann irgendwann, irgendwie erinnert werden. „Summ, summ, summ, Bienchen, summ herum“, „Ein Männlein steht im Walde“, „Komm, lieber Mai, und mache die Bäume wieder grün“ oder „In der Weihnachtsbäckerei, gibt es manche Leckerei“ – mehr ist es oft nicht.

Kinderlieder sind seit 500 Jahren, seit Martin Luther – und heute mehr denn je – in Umlauf. Schon die Tatsache, dass Luther im Singen Alt und Jung, Männer, Frauen und Kinder zusammenbringt, ist höchst bemerkenswert und auf keinen Fall selbstverständlich in seiner Zeit. Aller nachfolgender Entwicklung werden damit kräftige Impulse verliehen. In verständlicher Sprache und in 15 Strophen bringt Luther den Jüngsten das biblische Evangelium nahe. Er schreibt:

Vom Himmel hoch, da komm ich her,
ich bring euch gute neue Mär;
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich singn und sagen will.“

Er nennt es: „Ein Kinderlied auf die Weihnachten, vom Kindlein Jesu, aus dem 2. Capitel des Evangelii Lucas“. Das war 1535.

Der Komponist, Dirigent und Musikgelehrte Johann Mattheson gibt 1739 seine berühmte Schrift Der vollkommene Capellmeister heraus. Dort schreibt er: „Trinck- und Wiegenlieder, Galanteriestücklein etc. darff man eben nicht immer ohne Unterschied läppisch nennen: sie gefallen offt besser, und thun mehr Dienste, wenn sie recht natürlich gerathen sind, als großmächtige Concerte und stolze Ouvertüren. Jene erfordern nicht wenig ihren Meister nach ihrer Art, als diese...“