Was macht ein Zertifikate-Designer, wenn er morgens aufsteht? Böse Zungen behaupten: Er legt die Weltkarte auf den Tisch, schließt die Augen und legt den Finger auf irgendeine Stelle. So entsteht ein neues Regionen-Aktienzertifikat. Oder er nimmt die Gelben Seiten und schlägt sie wahllos auf. Dann macht er daraus ein neues Branchen-Zertifikat. Falls er aber Karte und Gelbe Seiten ein paar Mal hintereinander benutzt, erwächst daraus eine komplette neue Produktfamilie - wie etwa jene der niederländischen Großbank ABN Amro.

Gleich fünf Branchenzertifikate auf russische Wirtschaftssektoren haben die Niederländer aufgelegt. Neben dem obligatorischen Öl- und Gasindex (wer hätte das gedacht?) gibt es Zertifikate auf die Industriekonzerne, die Konsumgüterhersteller, die Metallproduzenten und die Telekom-Unternehmen Russlands. Geht's noch exotischer? Klar doch: Die Österreichische Volksbank hat im Südosten Europas Marktlücken entdeckt. Sie bietet jetzt Zertifikate auf den kroatischen und den rumänischen Aktienindex an. Und die Raiffeisen Centrobank offeriert ein Zertifikat auf acht südafrikanische Rohstoffaktien.

Doch wer glaubt, auf dem Zertifikate-Markt seien alle Nischen besetzt, irrt gewaltig. Noch immer gibt es jede Menge weiße Flecken auf der Weltkarte, die bislang sträflich vernachlässigt worden sind. Besonders bitter ist, dass damit die Anlegerschaft um Millionengewinne gebracht worden ist. So ist beispielsweise der jordanische Aktienindex seit Anfang 2004 um 35 Prozent gestiegen, und kein Zertifikateemittent hat sich darum gekümmert. Die Kursentwicklung in Jordanien müsste jedoch nun endlich einen Anlass geben, ein paar schöne Zertifikate aufzulegen - und zwar nach dem bewährten Motto: Wenn schon ordentlich Gewinn gemacht worden ist, dann können auch die Privatanleger einsteigen.

Oder Mauritius: Wo Fernwehgeplagte Urlaub machen, hätte der renditeorientierte Investor schon längst ein paar tausend Euro anlegen sollen! Seit Ende 2005 ist der dortige Aktienindex SEM-7 um satte 90 Prozent gestiegen, und keiner hat's gemerkt. Zwar ist der aus nur sieben Aktien bestehende mauritische Aktienindex dank der florierenden Hotelindustrie etwas tourismuslastig, dennoch laden Firmierungen wie "Mon Trésor Mon Desert Ltd." klangvoll zum Investment ein.

Angesichts der jüngsten Kursgewinne in Lateinamerika sollte auch hier kein Land mehr fehlen - und doch sucht man vergebens nach Zertifikaten, welche die Entwicklung des jamaikanischen Aktienmarkts nachbilden. Zugegeben, mit einem Kursplus von zehn Prozent in den vergangenen zwölf Monaten ist der JSE Market Index, beispielsweise im Vergleich zum mexikanischen Aktienindex IPC, nicht gerade der Überflieger. Aber die absoluten Zahlen stimmen. Momentan hat Jamaika einen Indexstand von rund 90.000 Punkten - daran könnte sich der Dax ruhig mal orientieren.