Nach der Ausweisung von vier russischen Diplomaten durch Großbritannien hatte Russland am Donnerstag im Gegenzug vier britische Botschaftsangehörige des Landes verwiesen. Zudem kündigte Moskau die Zusammenarbeit mit London im Kampf gegen den Terrorismus und stoppte die Visa-Ausstellung für britische Amtsträger.

Der russische Präsident Wladimir Putin bemühte sich am Abend allerdings erkennbar, den Streit zu deeskalieren. "Ich bin überzeugt, dass wir mit dieser Mini-Krise zurechtkommen werden", sagte er. "Ich denke, dass sich die russisch-britischen Beziehungen normal entwickeln werden." Beide Seiten müssten ihre Handlungen mit "gesundem Menschenverstand" abwägen und auf ihre jeweiligen Gesetze und Interessen Rücksicht nehmen. "Dann wird sich alles zum Besten wenden."

Russland und Großbritannien streiten über die Auslieferung des russischen Geschäftsmanns Andrej Lugowoi, der laut Londoner Staatsanwaltschaft den Ex-Geheimdienstagenten Alexander Litwinenko im November 2006 in der britischen Hauptstadt mit dem Strahlengift Polonium 210 getötet haben soll. Moskau verweigert die von London geforderte Auslieferung mit Verweis auf die russische Verfassung. Diese verbietet wie in den meisten Ländern, eigene Staatsangehörige an die Justiz anderer Staaten zu überstellen.

Der Sprecher des russischen Außenministeriums, Michail Kamynin, hatte die Ausweisung der vier Russen in Moskau als "provozierend und unfreundschaftlich" bezeichnet und die Sicherheitskooperation zwischen Moskau und London für vorerst beendet erklärt. "Zu unserem großen Bedauern ist die Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus nicht mehr möglich", sagte Kamynin. Die Beziehungen beider Länder im Anti-Terror-Kampf seien allerdings nicht "auf dem höchsten Niveau" gewesen, so dass im Grunde nicht mit Auswirkungen zu rechnen sei, sagte der frühere Chef des Sicherheitsrates, Andrej Kokoschin.

Der britische Premierminister Gordon Brown äußerte sich nach Angaben eines Sprechers "enttäuscht" über die russische Entscheidung. Die Ankündigung aus Moskau sei "völlig unberechtigt". "Wir werden diese Angelegenheit in den nächsten Wochen weiter mit der internationalen Gemeinschaft behandeln", sagte Brown. US- Außenministerin Condoleezza Rice forderte Moskau auf, eine Justizangelegenheit wie diese nicht zu "politisieren".

Moskau begründet offiziell die Ausweisung der vier britischen Diplomaten mit der seit Jahren bestehenden Aufforderung, den in Ungnade gefallenen Oligarchen Boris Beresowski und den tschetschenischen Politikers Achmed Sakajew auszuliefern. Beide genießen in Großbritannien politisches Asyl.

Russland wies Vorwürfe der EU zurück, bei der Aufklärung des Mordes nicht mit den britischen Behörden zu kooperieren. Die Briten hätten schnell zu Ermittlungen nach Russland reisen dürfen, sagte der ständige EU-Vertreter Russlands, Wladimir Tschischow.

Mit seinen Schritten reagiere Russland "abgewogen und mit minimaler Notwendigkeit", sagte Kamynin. London hatte Moskau aufgefordert, seine Verfassung zu ändern, damit eine Auslieferung Lugowois möglich wird. In der britischen Forderung sieht Russland seine Rechte als souveräner Staat angegriffen.