Die Mücken im schwedischen Herräng haben einen abwechslungsreichen Speiseplan. Im Juli gibt's Blut aus aller Welt – schon seit 25 Jahren reisen dann die Swing-Freunde an und stürmen das 600-Seelen-Dorf nördlich von Stockholm. Zur Feier des Jubiläums ist das Herräng Dance Camp fünf Wochen lang aufgeschlagen, 3500 Teilnehmer werden erwartet. Jeder steckt eine Nadel in die Weltkarte im Erdgeschoss des kleinen Gemeindehauses. Zur Halbzeit waren 57 Länder markiert.

Dieser internationale Gipfel, auf den die UN stolz wären, wird von Mitgliedern einer Showtanztruppe aus Stockholm organisiert. Oder auch nicht. "Es ist unmöglich, das Camp zu organisieren", hat Lennart Westerlund eingesehen. Er ist der Kopf des Ganzen und von Anfang an dabei. "Wir sorgen nur für die Infrastruktur." Dazu gehören sieben Tanzflächen, vier davon provisorisch in Zelten, vier Gastronomiebetriebe, eine Wäscherei, ein Fahrradverleih, eine Massagepraxis, ein Laden für Tanzbedarf, zwei improvisierte Campingplätze und viele, viele Doppelstockbetten.

Herräng stellt das Gemeindehaus, seine Schule, den Sportplatz, die kleine Marina, den Mini-Markt, eine Imbissbude und allerlei abenteuerliche Übernachtungsmöglichkeiten bereit. Für 3600 schwedische Kronen pro Woche, umgerechnet 410 Euro, gibt es außerdem 24 Stunden Tanzkurs bei international bekannten Dozenten, tägliche Shows, Konzerte, nächtliche Spezialunterrichtungen und Mottopartys bis in den Morgen. Natürlich wird Swing getanzt, unterbrochen nur vom Nötigsten, wie essen und vielleicht ein bisschen schlafen.

Übermüdete, erkältete Tänzer ("The Herräng Flu spreads fast!" warnen die Hinweise an Desinfektionsmittelspendern) in seliger Zufriedenheit – ein gemeinsames Ziel schwebt über allem: Der Swingtanz soll die Welt erobern. "Wenn mehr Menschen tanzen würden, hätten wir eine bessere Welt", meint der 75-jährige Swing- und Tapdancer Chazz Young.

Die Zeitzeugen der ersten großen Swingära sind die Helden dieses Treffens. Frank Manning , Chazz Youngs Vater, ist 93 und ein quicklebendiger Botschafter des Lindy Hop. Er wurde 1934 Berufstänzer. Lindy Hop war damals ein moderner Jazz-Paartanz, um ihn dreht sich die ganze Swing-Renaissance. Frankie hätte ein Weltstar wie Fred Astaire werden können, wäre da nicht seine dunkle Haut. Tourneen führten ihn dennoch durch drei Kontinente, vor die englische Queen und Dutzende Filmkameras, ehe ihm der Niedergang des Swingjazz 1954 einen Job im Postamt einbrachte.

Lennart Westerlund hat 1987 von Frank Mannings Geschichte gehört und ihn nach Herräng eingeladen. Seither ist der Senior weltweit als Tanzlehrer aktiv. Und das Camp, 1982 als Trainingslager schwedischer Jitterbug -Freunde ins Leben gerufen, wurde immer populärer.

Auch Frank treibt missionarische Hingabe: "Es geht nicht um Ruhm und Ehre. Ich möchte nur, dass andere erfahren, was für ein fröhlicher Tanz das ist." Das Herräng Dance Camp ist eine internationale Börse, im doppelten Wortsinn eine Messe des authentischen Jazztanzes. Von hier werden neue Ideen in die ungezählten regionalen Tanzgemeinden und Wochenend-Workshops getragen, nach Hamburg, Hongkong, New Orleans, Auckland, Johannisburg.

Oder nach London. Dort unterrichtet Simon Selmon. Er reiste erstmals 1990 nach Herräng. "Ich spürte sofort, am richtigen Ort angekommen zu sein", erinnert er sich. Danach entschied Simon, das Swingtanzen zum Beruf zu machen. Jeden Sommer zieht es ihn nach Schweden.