Nachruf Das Leben, ein Tag

Der große Regisseur und Dramatiker George Tabori ist tot. Eine Würdigung

Er war der älteste lebende Dramatiker der Welt, und er war wohl derjenige, der die weitesten Wege zurückgelegt hatte. Am Ende aber reduzierte sich sein Radius auf die wenigen Meter zwischen seiner Wohnung am Berliner Schiffbauerdamm und dem Platz vor dem Berliner Ensemble, auf dem Brecht als Bronze-Skulptur sitzt. Hier ging Tabori seine letzten Wege, und er war auch am Ende, was er immer gewesen war, ein Fremder. Manchmal stand er vor dem starren Brecht und fragte sich, wie er denn wohl nach Deutschland gekommen sei, er gehöre doch gar nicht hierher.

Er kam am 24. Mai 1914 in Budapest zur Welt; sein Vater war Publizist und Schriftsteller. George ging nach Deutschland, lebte bis zur Machtergreifung Hitlers in Berlin (»als Schuhputzer, Kellner und Aschenbecherputzer«), floh nach Wien und Prag und weiter nach London (als Übersetzer, BBC-Mitarbeiter und Reiseleiter), lebte in Sofia, Istanbul, Jerusalem und Kairo (als englischer Nachrichtenoffizier), Hollywood (als Autor unter anderem für Alfred Hitchcock) und New York (als Regisseur, Autor, Freund von Elia Kazan). Schließlich kehrte er zurück nach Wien – und Berlin.

Anzeige

Es fiel im ersten Moment leicht, Tabori als eine archetypische Künstlerfigur misszuverstehen, welche die Grandezza des Weltbürgers mit der Tapsigkeit des philosophischen Clowns vereint. Die leise Stimme, die sanften Gesten, dieser weiche Verzicht auf Herrschaft, Vergeltung, Autorität. Aber wer ihn so sah, verfehlte den Schwebe- und Alarmzustand seiner Existenz. Sein Vater, die meisten seiner Verwandten wurden in den deutschen Vernichtungslagern ermordet. Tabori lebte mit dem paradoxen Schuldgefühl, das ein ganzes Jahrhundert prägte: Warum habe ausgerechnet ich überlebt?

Das Grauen, dem er selbst entgangen war, holte ihn seitdem in seinen Träumen (und uns in seinen Stücken) ein. Immer wieder umkreiste er jenen Ort, jenen Begriff, den er als größten Witz der Weltgeschichte bezeichnete: Auschwitz. Man spielt nicht Theater mit Toten? Man lacht nicht im Konzentrationslager? Tabori war anderer Ansicht. Tabus, so sagte er, müssten zerstört werden, wenn man nicht daran ersticken wolle. Das Schicksal seines Vaters verarbeitete er in dem Stück Die Kannibalen . Da stehen KZ-Häftlinge vor der Wahl, einen Mitgefangenen zu verspeisen oder in die Gaskammer zu gehen. Aus der Geschichte seiner Mutter entstand My Mother’s Courage : Elsa Tabori erwischt jenen Zug, der nicht nach Auschwitz, sondern nach Budapest fuhr.

Tabori brachte den Witz und den Horror, den Geist und den Auswurf zusammen. Der Albtraum, sagte er, sei so notwendig »wie der tägliche Triumph unserer Gedärme«. Man kann vom Grauen nicht abstrahieren. Wer seine wichtigsten Menschen verloren hat, muss für sie leben mit allen Sinnen: »Unmöglich ist es, die Vergangenheit zu bewältigen, ohne dass man sie mit Haut, Nase, Zunge, Hintern, Füßen und Bauch wiedererlebt hat.«

Zur Bewältigung der Vergangenheit gehörte es auch, dorthin zurückzukehren. Seine Aufenthalte in Deutschland schienen ihm leicht zu fallen. Als Tabori 1992 den Büchner-Preis, die wichtigste literarische Auszeichnung Deutschlands, erhielt, wurde aus seiner Rede eine Geste der Versöhnung: Er kenne, so sagte er, nicht viele Deutsche, doch die meisten, die er kenne, liebe er. Sein Vater habe ihm beigebracht, die Menschen immer als Einzelwesen zu erkennen, »im Maßstab eins-zu-eins«. Sein Lobredner Wolf Biermann sagte am selben Nachmittag die bittereren Sätze: Tabori sei nicht nur ein Ausländer, sondern, Biermann benutzte das Wort wie eine Steigerungsform, auch Jude, einer der letzten jüdischen Intellektuellen Europas. »Diese Art Menschen sind ausgestorben, sind ausgestorben worden. Und ich glaube nicht an eine Renaissance der jüdischen Kultur in Europa.«

Tabori glaubte daran auch nicht. Er hatte sich das Theater als eine übermaterielle Heimat erkoren, ein Mann, der Brecht und Beckett, die großen Dramatiker des 20. Jahrhunderts, gekannt und sich zwischen ihnen eingerichtet hatte. Im Gegensatz aber zu Brecht, der eine Welt erdachte, in der die Nachgeborenen es gut haben sollten, arbeitete Tabori an einer Welt, in der für die Toten gesorgt ist, in der die Verschwundenen Obdach finden. Und wo Beckett im Bann des bevorstehenden Grauens stand, lebte Tabori im Reich nach dem Grauen.

1970 ging er nach Deutschland. Warum? »Wegen des Theaters. Es gab dort damals das beste Theater der Welt. Jetzt hat das Fernsehen gesiegt. Mir scheint, jede Hochkultur hat ihre Zeit.«

An Bert Brecht und Samuel Beckett hatte Tabori sich geschult. Ohne den »epischen« Ansatz Brechts (die Darsteller beobachten und kommentieren ihr Spiel) und ohne die Annullierungsdramatik Becketts wären seine Stücke nicht denkbar. Er ist durch Brechts Optimismus und Becketts Verzweiflung hindurchgegangen und beim Witz herausgekommen.

Brecht wollte die Erde so bewohnbar machen, dass getrost der Himmel abgetragen werden konnte (Andrea sagt es im Galileo Galilei ). Tabori zeigt die Erde so grotesk, dass getrost die Hölle aufgehoben werden kann. In Taboris Babylon Blues gibt es diesen Dialog: »Ich habe Gott gesehen.« – »Was für einen Gott?« – »Den Groucho-Gott. Er würfelt nicht. Er setzt den Busch nicht in Brand. Er erzählt nur Witze.«

Sein ganzes Leben, sagte Tabori, sei eine Flucht in den Witz. Die Kraft des Witzes hat ihm sein Vater offenbart: »Ich war vier Jahre alt, und ein Kind in der Nachbarschaft war gestorben. Mein Vater, der ein angesehener Mann war, hielt eine Rede auf das Kind. Ich saß in der ersten Reihe, gleich neben dem ungarischen Erzbischof, und die Leute lachten und weinten in derselben Minute. Mein Vater brachte sie dazu. Später herrschte der Erzbischof mich an: Sag deinem Vater, er soll sich entscheiden, ob er uns zum Lachen oder Weinen bringen will; beides zusammen geht nicht. Nun, ich glaube, es geht nur beides zusammen.«

Wenn sein Leben eine Flucht in den Witz war, so lag die Pointe darin, dass sie ihn nach Deutschland brachte. »Ich denke in drei Sprachen«, sagte Tabori bei unserem Gespräch im Sommer 2006, »ich liege viel im Bett, schaue den Plafond an und erinnere mich an mein Leben als Amerikaner, Ungar, Deutscher. Ich habe so viel erlebt, dass ich gar nicht mehr weiß, bin ich das, der es erlebt hat. In der Erinnerung ist das ganze Leben ein Tag.«

Im Jahr 2000 war George Tabori öffentlich noch einmal tief in sein vergangenes Leben zurückgereist, auf der Bühne, als Schauspieler. Im Berliner Ensemble spielte er die Hauptrolle in Christoph Heins Stück Mutters Tag . Er spielte den Sohn einer Frau, die von den Nazis ermordet worden war und ihren Sohn nun, als Geist, Jahrzehnte nach ihrer Ermordung besuchte. Der Sohn war aus dem englischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt, und so musste die Geistermutter nun noch einmal deutschen Boden berühren. Der Sohn aber, ein Dichter, merkte nicht, dass die Mutter ihn besuchte. So saß er unerreichbar an seiner Schreibmaschine, trinkend, rauchend, essend und schreibend. Tabori spielte diesen Dichter und Überlebenskünstler mit einer Schaffenslust, die keine Zeugen mehr brauchte, er leckte die Finger nach jedem Satz, als wären die Tasten süß: ein Mensch, der aufging im Moment. Wenn er eine Pointe niedergeschrieben hatte, studierte er sie wie den Text eines Fremden, dann brach er in Gelächter aus. Der Mann war Selbstversorger, der Bewohner einer Denkinsel, die nicht größer war als der Tisch, an dem er saß und von dem er Rauch in die Höhe sendete, um eventuellen Beobachtern zu signalisieren: Die Insel ist noch bewohnt.

Der Sohn war der Letzte, der noch unten wohnte, nicht mehr bei den Lebenden, noch nicht bei den Toten, und am liebsten hätte die Mutter ihn mit hinaufgenommen. Ihr Sohn, das alte Kind, erhielt Drohbriefe und Terroranrufe, Steine splitterten durchs Fenster. Tabori in seiner Rolle wandte dem Fenster bloß sehr müde seinen Rücken zu, und wir ertappten uns dabei, dies für eine private Geste zu halten. Von oben, aus dem Jenseits, sah wohl die gesamte Familie besorgt auf den übrig gebliebenen Abkömmling herab. Und bevor sie abreiste, sagt die Mutter zum Sohn, der sie wieder nicht hörte: »Ich sage immer, wenn der Koffer fertig gepackt und der Reisepass gültig ist, dann kann man auch in Deutschland unbesorgt leben.«

Veranstaltungen, die öffentlich an ein Verbrechen erinnern, versuchen immer auch eine metaphysische Kontaktaufnahme: Die Opfer, sollten sie denn zusehen, werden um Verzeihung gebeten, und es wird ihnen auch versichert, dass die Verbrechen, deren Opfer sie wurden, nie wieder passieren können. Die Opfer werden symbolisch zur Rückkehr ins Land des Verbrechens eingeladen. In diesem Zusammenhang war Mutters Tag mit George Tabori im Berlin des Jahres 2000 ein bemerkenswerter Theaterabend. Um Verzeihung bat man die Opfer gewiss. Zur Rückkehr wurden sie aber nicht eingeladen. Die Botschaft an die Toten lautete: Es tut uns sehr leid, aber es wäre besser für euch, nicht zurückzukehren, selbst wenn ihr es könntet.

Tabori ist aber doch zurückgekehrt, und schon das zeigt die Größe dieses Mannes. Die Rolle des zurückgelassenen Sohnes in Mutters Tag , der von seiner Familie aus dem Jenseits bang beobachtet wird, sie war vielleicht Taboris persönlichster öffentlicher Auftritt: das Selbstporträt des Künstlers als Überlebender. Am 23. Juli ist er 93-jährig gestorben – in Berlin.

 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service