Nachruf Das Leben, ein TagSeite 3/3

Im Jahr 2000 war George Tabori öffentlich noch einmal tief in sein vergangenes Leben zurückgereist, auf der Bühne, als Schauspieler. Im Berliner Ensemble spielte er die Hauptrolle in Christoph Heins Stück Mutters Tag . Er spielte den Sohn einer Frau, die von den Nazis ermordet worden war und ihren Sohn nun, als Geist, Jahrzehnte nach ihrer Ermordung besuchte. Der Sohn war aus dem englischen Exil nach Deutschland zurückgekehrt, und so musste die Geistermutter nun noch einmal deutschen Boden berühren. Der Sohn aber, ein Dichter, merkte nicht, dass die Mutter ihn besuchte. So saß er unerreichbar an seiner Schreibmaschine, trinkend, rauchend, essend und schreibend. Tabori spielte diesen Dichter und Überlebenskünstler mit einer Schaffenslust, die keine Zeugen mehr brauchte, er leckte die Finger nach jedem Satz, als wären die Tasten süß: ein Mensch, der aufging im Moment. Wenn er eine Pointe niedergeschrieben hatte, studierte er sie wie den Text eines Fremden, dann brach er in Gelächter aus. Der Mann war Selbstversorger, der Bewohner einer Denkinsel, die nicht größer war als der Tisch, an dem er saß und von dem er Rauch in die Höhe sendete, um eventuellen Beobachtern zu signalisieren: Die Insel ist noch bewohnt.

Der Sohn war der Letzte, der noch unten wohnte, nicht mehr bei den Lebenden, noch nicht bei den Toten, und am liebsten hätte die Mutter ihn mit hinaufgenommen. Ihr Sohn, das alte Kind, erhielt Drohbriefe und Terroranrufe, Steine splitterten durchs Fenster. Tabori in seiner Rolle wandte dem Fenster bloß sehr müde seinen Rücken zu, und wir ertappten uns dabei, dies für eine private Geste zu halten. Von oben, aus dem Jenseits, sah wohl die gesamte Familie besorgt auf den übrig gebliebenen Abkömmling herab. Und bevor sie abreiste, sagt die Mutter zum Sohn, der sie wieder nicht hörte: »Ich sage immer, wenn der Koffer fertig gepackt und der Reisepass gültig ist, dann kann man auch in Deutschland unbesorgt leben.«

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Veranstaltungen, die öffentlich an ein Verbrechen erinnern, versuchen immer auch eine metaphysische Kontaktaufnahme: Die Opfer, sollten sie denn zusehen, werden um Verzeihung gebeten, und es wird ihnen auch versichert, dass die Verbrechen, deren Opfer sie wurden, nie wieder passieren können. Die Opfer werden symbolisch zur Rückkehr ins Land des Verbrechens eingeladen. In diesem Zusammenhang war Mutters Tag mit George Tabori im Berlin des Jahres 2000 ein bemerkenswerter Theaterabend. Um Verzeihung bat man die Opfer gewiss. Zur Rückkehr wurden sie aber nicht eingeladen. Die Botschaft an die Toten lautete: Es tut uns sehr leid, aber es wäre besser für euch, nicht zurückzukehren, selbst wenn ihr es könntet.

Tabori ist aber doch zurückgekehrt, und schon das zeigt die Größe dieses Mannes. Die Rolle des zurückgelassenen Sohnes in Mutters Tag , der von seiner Familie aus dem Jenseits bang beobachtet wird, sie war vielleicht Taboris persönlichster öffentlicher Auftritt: das Selbstporträt des Künstlers als Überlebender. Am 23. Juli ist er 93-jährig gestorben – in Berlin.

 
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