Nach dieser Wahl reibt man sich die Augen über die vergangenen stürmischen Monate in der Türkei. Es geht doch. Wozu Putschdrohungen des Militärs, wozu das giftige Parteiengerangel um den Präsidentenposten, wozu Massendemonstrationen der säkularen Türken, wenn sich die Türkei ganz demokratisch stabilisieren lässt?

Die Parlamentswahlen vom Sonntag haben eine starke Volkspartei, die AKP, mit mehr als 47 Prozent der Stimmen in der Regierung bestätigt. Die Opposition hat nun mehr Sitze als zuvor und besteht vor allem aus zwei Parteien, der links-kemalistischen Republikanischen Volkspartei CHP mit 20 Prozent und der nationalistischen MHP mit 14 Prozent. Es ist eine Wahl, zu der sich die Türken nach den hässlichen Raufereien der vergangenen Wochen gratulieren dürfen. Sie haben gegen den Islamismus gewählt, für die Vielfalt und gegen den nationalistischen Autoritarismus. Und sie haben ihren Politikern eine klare Aufgabe mit auf den Weg gegeben.

Gegen den Islamismus: Die regierende konservativ-muslimische Partei für Entwicklung und Gerechtigkeit (AKP) hat es geschafft, die Islamisten der Saadet-Partei vollends an die Wand zu drücken. Der Islamist Necmettin Erbakan hatte noch in den neunziger Jahren regiert, bevor ihn das Militär aus dem Amt putschte. Seine Partei rutschte diesmal in die Bedeutungslosigkeit ab. Ministerpräsident Tayyip Erdogan konnte die religiösen Wähler zu sich herüberziehen, obwohl er die Ränge seiner Partei vor dem Wahlkampf von vielen religiösen Politikern gesäubert hatte. Statt ihrer kamen Liberale, sogar bekehrte Linke in die AKP. Als Volkspartei der rechten Mitte integriert diese nun Wähler aus den Armenmilieus und aus den neureichen Wirtschaftsschichten, Religiöse von den konservativen Rändern und Liberale, die mehr bürgerliche Freiheiten wollen.

Für die Vielfalt: Viele Armenier in der Türkei hatten vor der Wahl angekündigt, diesmal AKP wählen zu wollen, jene Regierung, die als erste in der Türkei einen kritischen Kongress über die Verbrechen an den Armeniern in Istanbul ermöglicht hatte, die Vertreter der Diaspora in die Türkei einlud und die armenische Kirchen wieder instand setzen ließ. Doch auch eine erhebliche Zahl von Kurden wählte die AKP, welche Radiosendungen in kurdischer Sprache zugelassen hatte. Zugleich haben eine Reihe unabhängiger kurdischer Kandidaten den Sprung ins Parlament geschafft und so die gegen eine Kurdenpartei errichtete Zehn-Prozent-Hürde geschickt umgangen. Am Ende könnten die Unabhängigen sogar Fraktionsstatus im Parlament erreichen.

Gegen den nationalistischen Autoritarismus: Die türkische Armee hatte Ende April noch ein Memorandum ins Netz gestellt, um die Regierung mit der Warnung „Wir können auch anders!“ einzuschüchtern. Säkulare Verbände, kemalistische Parteien und nationale Sicherheitskräfte organisierten Massendemonstrationen gegen die Regierung und den Versuch Erdogans, mit seiner Parlamentsmehrheit einen Präsidenten nach seinem Geschmack zu wählen. Für kurze Zeit war die Welt verwirrt, ob die Mehrheit der Türken nun hinter der Regierung oder dem Bündnis aus Linkssäkularen mit der Armee stand.

Wer bis zur Wahl Zweifel hatte, kennt seit Sonntag die Antwort. Die Mehrheit der Türken wünscht sich nicht mehr wie ehedem, dass die Armee ihr Land im Allzeit-bereit-Gestus im stabilen Griff hält. Sie haben für die politische Stabilisierung durch freie Wahlen gestimmt. Zum ersten Mal seit 1954 gewinnt eine türkische Regierungspartei bei der Wiederwahl noch einmal kräftig an Stimmen hinzu.