Verkehrssicherheit Forschungsobjekt Tunnelbrand
In einem fünf Kilometer langen Stollen in der Schweiz legen Experten regelmäßig Feuer, um Brandschutzsysteme in Tunneln zu testen. Sensoren sollen vor dem Inferno warnen
Erst ist wenig zu sehen, wie Kerzenlicht flackert es im Innern des Tunnels, etwas Rauch steigt auf. Knapp zwei Minuten später schlagen Flammen aus den Öffnungen heraus, dunkle Rauchschwaden ziehen die Decke entlang. «Schauen Sie, jetzt hat das System Alarm geschlagen.» Manfred Mägerle, Produkt Manager Lineares Wärmemeldesystem bei Siemens SBT, zeigt zufrieden auf den Bildschirm. Die Ausschläge sind deutlich zu sehen. Anschließend leitet er per Knopfdruck den Löschvorgang ein.
Ort des Geschehens ist Flums in der Schweiz. Im rund 30 Jahre alten Versuchsstollen Hagerbach erforschen und testen knapp 30 Firmen unter Realbedingungen neue Bau-Technologien, entwickeln Maschinen weiter und prüfen Verfahren und Arbeitsabläufe auf mehr Leistung und Sicherheit. Auf dem fünf Kilometer langen Demonstrations- und Experimentierstollen wird gebohrt, gesprengt, betoniert - und auch Feuer gelegt, um Brandschutzsysteme in Tunneln zu testen.
Seit dem Brand im Montblanc-Tunnel 1999, bei dem 39 Menschen starben, testet der ADAC jährlich die Sicherheit in Tunneln. 2007 von 51 schnitten getesteten Röhren in 13 Ländern immerhin 18 mit «sehr gut» und 11 mit «gut» ab. Dennoch fiel jeder fünfte Tunnel durch. So musste einer der sieben deutschen Kandidaten, der Tunnel in Gernsbach auf der B 462 Rastatt-Freudenstadt, ein «bedenklich» hinnehmen. Testverlierer war wie schon im vergangenen Jahr ein Tunnel in Italien: der Paci 2 auf der A 3 SalernoReggio di Calabria bei Scilla - laut ADAC nichts weiter als ein schwarzes Loch.
Tunnel gehören zu den gefährlichsten Abschnitten von Fernstraßen und Autobahnen. Kommt es zu einem Brand, muss es besonders schnell gehen: Rettungskräfte müssen alarmiert, die Feuerstelle muss möglichst genau eingegrenzt und die Rauchentwicklung unterbunden werden. «Allein im Gotthard-Tunnel passieren vier bis zehn Brände pro Jahr», sagt Mägerle. Das von ihm betreute Brandmeldesystem Fibro Laser, von Siemens speziell für Tunnel entwickelt, ermittelt Temperaturanstiege auf den Meter genau und gibt Informationen über Größe, Verlauf und Ausbreitungsrichtung direkt an die Tunnel- Leitstelle weiter.
Auch der Montblanc-Tunnel ist seit dem schweren Unglück mit diesem Sensorkabel ausgestattet, das aussieht wie ein etwas dünneres Stromkabel. Dank EU-Richtlinie unterliegen neue Tunnel jetzt schon strengeren Vorschriften und müssen dieses oder ein vergleichbares System vorweisen, bestehende Anlagen haben bis zum Jahr 2014 mit der Nachrüstung Zeit. Kombiniert mit Videoüberwachung kann so exakt die Gefahr eingeschätzt werden - unerlässlich, um schnell und situationsgerecht zu handeln: Alarmierung der Feuerwehr, Sperrung der Tunneleinfahrten, Start des Ventilationssystems zum schnelleren Rauchabzug, Beginn des automatischen Löschvorgangs. «Tunnel mit Löschsystem gibt es momentan aber nur zwei bis drei in Europa», sagt Mägerle.
Deshalb nutzen zahlreiche Feuerwehren den Versuchsstollen Hagerbach zum Üben. Ein Tunnelstück beherbergt einen Original-Zugwaggon, der für die Simulation von Bergungseinsätzen in eine Rauchbombe verwandelt werden kann. «Sogar eine Löschtruppe aus Taiwan war schon hier», sagt Volker Wetzig, Leiter Forschung und Entwicklung der Versuchsanlage im Stollen. Für den Fall der Fälle gibt der Fachmann noch die wichtigsten Tipps: «Verlassen Sie bei einem Brand in einem Tunnel sofort das Fahrzeug und suchen Sie so schnell wie möglich einen Ausgang. Machen Sie keine Fotos, da dadurch wertvolle Sekunden fehlen könnten.»
(Hannes Kronthaler/dpa)
- Datum 20.07.2007 - 05:29 Uhr
- Quelle ZEIT online, dpa
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