Schwül lastet die Hitze über Merdingen am Kaiserstuhl. Für heute Abend haben die Nachrichten Gewitter angekündigt, vielleicht hagelt es sogar. Das wäre jetzt, wo die Trauben schon recht üppig am Stock hängen, eine mittlere Katastrophe für die zahlreichen Winzer in der Region. Erich Keller (55), Wirt und Koch im Gasthof Keller , träfe ein Unwetter nicht ganz so hart. Schließlich ist seine Sommer-Terrasse überdacht. Drinnen gibt es ohnehin mehr zu sehen: Dutzende Autogrammkarten von Jan Ullrich, signierte Poster und Trikots. Und einen runden Holztisch, über dem ein Schild prangt: "Stammtisch für Fischer, Jäger und andere Lügner". Mittags gibt es gebackene Scholle. Inklusive Beilagen, Suppe und Dessert für sechs Euro. McDonald`s und Co haben den Preiskampf eröffnet. Wer nicht untergehen will, muss dagegenhalten, sagt Keller. Das sei in der Gastronomie wie beim Radsport.

Keller, der nebenberuflich Vorsitzender des Jan-Ullrich-Fanclubs Merdingen e.V. ist, will heute Morgen ein paar Dinge klarstellen, notfalls geht er ein bisschen später in die Küche. Der 55-Jährige, der selbst mit seiner Frau zwischen 4000 und 10.000 Kilometer pro Jahr auf dem Rad zurücklegt, versteht die Welt nicht mehr. Zusammen mit sechs Mitstreitern war der hagere Mann mit dem sonnengegerbten Gesicht bis vergangene Woche live bei der Tour de France dabei. Wie jedes Jahr. Immer wenn eine Kamera nahte, haben sie ein riesiges Transparent in die Kamera gehalten. "Ulle, du bist und bleibst der Größte, danke für die schöne Zeit. Dein Fanclub." Und kaum ist er zurück in Deutschland, stoppen ARD und ZDF die Übertragungen der Tour, die für ihn seit jeher das Sportereignis des Jahres darstellt. "Zehn Jahre haben sie die Hand aufgehalten, haben volles Rohr mitverdient und jetzt spielen sie die Moralapostel." Keller klingt verärgert.

Moralapostel – ein Wort, das in den nächsten Minuten noch oft fallen wird. Keller meint damit all diejenigen, die Ullrich fallen gelassen haben, nachdem die Dopingvorwürfe publik wurden, "einfach so, als wäre vorher nichts gewesen". Die Medien zuvorderst, die Professoren, die nicht einmal genau erklären könnten, was Doping im Körper genau bewirke. Und vor allem diejenigen Merdinger, die vor einem Monat plötzlich auch anfingen, den Stab über den Mann zu brechen, den sie hier nur "Jahn" nennen.

Die Grenze zwischen den wenigen im Dorf, die schlecht über Ullrich sprechen, und den vielen, die ihm die Treue gehalten haben, verläuft für Keller parallel zur sportlichen Kompetenz. Die einen wüssten eben, dass man ein Ausnahmeathlet sein muss, um überhaupt in die Gefahr zu kommen, mittels verbotener Substanzen noch das letzte Quäntchen aus dem hochtrainierten Körper herauszuholen. Die anderen, die Ahnungslosen, wüssten das nicht. Die lesen lieber die BILD -Zeitung, als sich mal selbst aufs Rad zu schwingen, sagt Keller: "Dann heulen sie rum, Ulrich habe sie betrogen." Menschen, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen, Moralapostel eben. "Wir haben zehn Jahre eine schöne Zeit mit ihm gehabt, haben gut an ihm verdient, warum sollen wir denn plötzlich anfangen zu spinnen?"

Die Leute vom Fanclub fühlen sich von Ullrich jedenfalls nicht betrogen. Ihr Vorsitzender, der früher zwei Stunden mit dem Motorrad vorausfuhr, während Ulle auf dem Rad versuchte, ihn einzuholen, hat schon früher auf seinen Schützling aufgepasst. Wenn der lebensfrohe Mecklenburger in der Gaststätte vorbeikam, hielt er ihm allzu aufdringliche Fans vom Leib. Der Stargast sollte Gast sein, nicht Star, sollte sich wohlfühlen in seinem Dorf.

Noch heute kommt Ullrich alle paar Wochen mal auf ein Gläschen Wein vorbei. Er weiß, dass die meisten im Dorf zu ihm halten, "da brauchen wir gar keine großen Worte zu machen", sagt Keller. Ulrich, das rechnen sie ihm in Merdingen hoch an, sei immer Mensch geblieben. Jedenfalls nicht so einer wie Lance Armstrong, diese Maschine, der mit keinem Menschen ein normales Gespräch führen könne. Überhaupt Armstrong. Keller geht davon aus, dass der Amerikaner als Erster gedopt habe, da hätten die anderen Topleute eben nachziehen müssen, um mithalten zu können.