Geiseln Höllischer Countdown
Afghanistans Terroristen erschießen eine Geisel nach der anderen. Sollen die Medien mitzählen? Wir fragen unsere Leser
Woher kennen wir das? „Der Staat darf sich nicht erpressen lassen“, ungesagt freilich der Nachsatz: „auch wenn deshalb Geiseln sterben müssen.“ Woher also? Aus der Zeit des RAF-Terrors , die noch heute, selbst aus nichtigem Anlass, die umhegten Gebiete des Gedächtnisses übersteigt und zu unmittelbar gegenwärtiger Emotion werden kann.
Wir kennen die tragische Situation, in der sich nun die Regierung Karsai befindet , sie ist strukturell keine andere als die der damaligen Regierung Schmidt.
Aber manches ist neu. Etwa, dass die Öffentlichkeit jetzt die Opfer mitzählt, die nacheinander Erschossenen. Dieser höllische Countdown hat schon eine andere Qualität. Nicht zuletzt dadurch, dass er in den Medien stattfindet, die deshalb, ohne es zu wollen, Teil der terroristischen Propagandamaschine werden.
Ja, auch wir. Die Redaktion von ZEIT online hat heute wieder einmal ratlos, hilflos diskutiert: Wenn wir die Erschießungen beschweigen, dann erfährt die Welt ja dennoch davon, aber die Opfer werden dann auf unserer Website nicht erwähnt, nicht beklagt, nicht geehrt. Und der Terror wird in seiner Grausamkeit nicht angeklagt. Doch wenn wir mitzählen und jedes Mal die Forderung der Terroristen verbreiten, sind wir Komplizen.
„Fragen wir doch die Besucher unserer Website“, das ist eine Reaktion, die wir gerne zeigen, wenn wir nicht mehr weiterwissen. Aber dieser Konflikt ist objektiv nicht lösbar. Allenfalls Kompromisse sind möglich, die über die moralischen Abgründe balancieren. Etwa, dass wir das Nachrichtenvideo von der Seite genommen haben, das uns die Agentur geschickt hatte: Es zeigte die erschossene koreanische Geisel, wenn auch nur kurz. Leider haben wir das erst getan, nachdem es einen empörten Anruf bei uns gegeben hat.
Und nun? Fragen wir dennoch:
Wie würden Sie handeln, wenn Sie für Afghanistans Regierung Verantwortung trügen? Oder für eine journalistische Website?
- Datum 31.07.2007 - 07:29 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Wenn das Szenario (was realistisch wäre) die Tatsache beinhaltet, dass ich das Verhalten einer Zeitung von extrem vielen bestimme, sehe ich in der Frage kein echtes Puzzle.
Interessanter wäre die Frage in einem Szenario, in dem ich ein Monopol über die Nachrichtenverbreitung hätte; hier (und nur hier) hätten wir es mit einer Situation zu tun, in der die Frage der relativen Gewichte von korrekter Information einerseits und Schutz der Geiseln andererseits halbwegs isoliert ist.
Ad maiorem dei gloriam (Zur höheren Ehre Gottes)
Versuchen wir Menschen immer wieder das Gute zu tun. Es sollte unser roter Lebensfaden sein. Es scheint in unserem täglichen Lebensalltag lebensfremd zu sein - ist es aber nicht!
Ich denke, wenn wir nachgeben, wird zwar unser Ego mißgelaunt sein.
Auf langer Sicht können wir aber nur gewinnen.
Was wollen wir in Afghanistan? Habe dort vor 25 Jahren gearbeitet. Meine Überzeugung war und ist man sollte Gewehre, Granaten und Bomben ersetzen nicht durch Einmischung in deren Angelegenheiten. Wir sollten besser Straßen, Schulen, Brunnen, Bewässerungsanlagen bauen und Beratung in der Landwirtschaft und Industrie leisten. Ist alles schon mal vor Jahrzehnten gemacht worden ( die Bundeswehr macht es ja pünktchenweise) von den Deutschen. Daher der noch gute Ruf der Deutschen?
Welcher Teufel hat nur die Schröderregierung und Grünen veranlaßt die Bundeswehr zu schicken?
FK
Berichten auf alle Fälle, damit keiner sagen kann "davon habe ich nichts gewusst". Aber nicht nur Vordergründig sondern auch von den Menschen und deren Motiven, sowohl von den Entführten als auch von den Entführern. Sind es nur primitive finanzielle Erpressungen oder steckt mehr dahinter? Was wollen die Entführer? Nur Geld für Waffen oder sie entführen aus idologischen Motiven? Ist es "nur" der geforderte Rückzug der Bundeswehr? Was denken unsere Soldaten in Afghanistan über die Entführungen? Was zahlte oder zahlte die Bundesregierung in der Vergangenheit für die Entführungsopfer? Gibt es Unterschiede bei Entführungen z.B. in Afrika? Was zahlt die Bundesregierung ggf. wenn ein Bus mit Touristen aus Deutschland in Nairobi entführt wird? Verhält sie sich genau so wie in Afghanistan? Also bitte weiter recherchieren und berichten.
FK
In Afrika "verrecken" jeden Tag 30.000 Kinder. Stellen Sie die Frage bitte nochmals ob Sie auch hier mitzählen wollen oder sollen.
Die Frage, ob Sie die Erschießungen der Geiseln mitzählen sollen, oder nicht, um nicht zum Sprachrohr der Terroristen zu werden, stellt sich so nicht. Gehe ich von Iherer Fragestellung aus, habe ich Ihrer Analyse, insbesondere dem verlinkten Beitrag von Herrn Leicht, nichts entgegen zu halten und wenig hinzuzufügen.
Indem Sie aber die jetzigen Fälle mit der Situation der Regierung Schmidt während der Schleyer-Entführung vergleichen und sodann die Frage aufwerfen, inwieweit sich die mediale Berichterstattung in der Zwischenzeit verändert hat und die heutigen Medien in größerem Maße als Instrumente der Terroristen benutzt werden könnten, vermischen Sie eine Reihe von Fragen, die nicht zusammen gehören. Sie lenken die Aufmerksamkeit in eine falsche Richtung. Aus einer anderen, zutreffenderen Fragestellung ergeben sich auch andere Antworten:
1. Ob den Forderungen der Geiselnehmer nachgegeben werden soll oder nicht, ist zwar in der Tat ein tragisches Dilemma. Die Entscheidung wird aber nicht von den Medien getroffen. Können sie die Entscheidung beeinflussen? In begrenztem Maße vielleicht, eine einzelne Wochenzeitung wohl kaum (die Bundesregierung zeigt sich alles andere als zum Nachgeben bereit). Bei sachlich-neutraler Berichterstattung dürfte Ihr Einfluß kaum ins Gewicht fallen, wobei Sie ja immer noch in die eine oder andere Richtung plädieren und zudem die Propaganda der Terrorossten entlaven können, was Sie ja auch tun.
Wenn Sie für ein Nachgeben im Interesse des Lebens der Geiseln sind, müssen Sie konsequenterweise auch über ihr Schicksal umfassend berichten, weil sie dadurch ihr Leben schützen. Dann aber stellt sich das von Ihnen aufgeworfene Problem zumindest weniger scharf. Wenn Sie gegen ein Nachgeben sind, können Sie dies nur unter der Voraussetzung rechtfertigen, dass das Leben der Geiseln für ein höheres "Gut" geopfert werden sollte. Das wäre aber eine so schwerwiegende Entscheidung, dass sie sorgfältiger Begründung und Rechtfertigung bedarf, die Sie als Teil der Presse in einer Demokratie der Bevölkerung nicht verschwiegen dürfen. Also müssen Sie alle Tatsachen und Gründe öffentlich machen (was Sie ja auch tun). Letztlich können Sie eine solche Bewertung nur im Interesse der Allgemeinheit vornehmen, also müssen Sie die Allgemeinheit informieren. Eine andere Bewertung halte ich in einem demokratischen Rechtsstaat nicht für vertretbar.
2. Die jetzigen Fälle sind einerseits mit den RAF-Fällen vergleichbar, andererseits sind sie es aber auch nicht. Beides, die Vergleichbarkeit und die Unterschiedlichkeit zeigen, dass sich für die Medien die Gefahr, zu Komplizen der Terroristen zu werden kaum stellt - höchstens bei extrem reißerischer Berichterstattung, zu der Sie aber ohnehin nicht neigen. Der Unterschied zu den RAF-Fällen besteht darin, dass sich in Afghanistan die Geiseln bewußt der Gefahr ausgesetzt haben; sie wussten, sie würden dort zahlreichen Menschen begegnen können, die geprägt sind von Fanatismen und den Schrecken nahezu 30 Jahre dauernder Kriegszustände. Und sie wussten auch, dass diese Menschen die Geiselnahme unschuldiger Helfer als Mittel der Wahl zur "Kommunikation" mit dem Westen betrachten. Das spricht stark gegen ein Nachgeben im Interesse der Geiseln. Also ist auch die Berichterstattung weniger bedenklich. Anders wäre es, wenn Regierungen die Helfer zum Einsatz ermuntert und zugleich verschwiegen hätte, im Fall einer Geiselnahme nicht nachgeben zu wollen. Dann läge aber die Verantwortung bei den Regierungen, die schon im Vorfeld für Klarheit hätten sorgen sollen. Eine solche Klarstellung könnte den Anschein der Erpressbarkeit wirksam minimieren.
Gemeinsam haben die jetzigen und die RAF-Fälle, dass sowohl unsere Regierung, als auch die Medie und die Bevölkerung wohl mehrheitlich gegen ein Nachgeben gegenüber den unmittelbaren Forderungen der Terroristen eingestellt sein dürfte. Wer will sich schon erpressbar zeigen und zum Spielball von Terroristen werden. Zudem ist das Problem, wie Sie selbst an anderer Stelle bemerkt haben, nicht neu, weder für Sie, noch für die Bevölkerung und die wesentlichen Argumente sind längst ausgetauscht.
Soweit hierzulande jetzt aber die Stimmen zunehmen, die sich für einen Abzug aus Afghanistan aussprechen, sind die Entführungen für sie nicht notwendig ausschlaggebend, sondern allenfalls ein weiteres Indiz dafür, dass der Einsatz dort sinnlos ist. Die Kritiker des Einsatzes wollen aber nicht deshalb "raus", weil sie sich von den Entführern dazu gezwungen fühlen. Diese Unterscheidung scheint mir sehr wichtig und aus Gründen der Fairness gegenüber den Gegnern des Afghanistaneinsatzes auch geboten - zu denen Sie, was Ihre Fragestellung schon vermuten lässt, wohl nicht gehören. Denn wer aufgrund einer Analyse der gesamten Situation dort gegen Einsatz und für Abzug ist, erweist sich damit nicht zugleich als erpressbar. Wenn nun Abzugsforderungen laut werden, wäre es kein faires Argument zu unterstellen, insoweit sei die Propaganda der Terroristen wirksam.
3. Wenn Sie in die Waagschale, die für eine umfassende Berichterstattung über das Geiseldrama sprechen soll, allein das Andenken an die Opfer legen, so gerät Ihre Waage in eine Schieflage, wenn Sie nicht auf der anderen Seite durch Ihre Berichterstattung den Opfern der Nato-Einsätze in der Zivilbevölkerung entsprechend Anerkennung erweisen.
Nicht nur bei Der Zeit, sondern insgesamt fällt in den Medien doch auf, dass sie den Berichten über das Geiseldrama bei weitem mehr Raum geben als denen über die zivilen Opfer der Nato-Kampfeinsätze. So heisst es etwa in einem Bericht auf Zeit-online vom 22.6.07 (dem einzigen zu diesem Thema, den ich gefunden habe): "Allein seit Beginn des Jahres wurden nach Angaben einer Dachorganisation von Hilfsgruppen in Afghanistan 230 Zivilisten bei Einsätzen ausländischer und afghanischer Truppen getötet." Diese Angabe ist abstrakt und die näheren Umstände der Todesfälle lässt Ihr Autor im Dunkeln. Ferner wird in dem Bericht die Nato-Erklärung für den Tod von 25 Zivilisten unkritisch wiedergegeben: "Die Nato wirft den Rebellen vor, das Feuer der Alliierten absichtlich auf Wohnhäuser gelenkt zu haben." Ein Satz, dessen Bedeutung ich mir nur schwer vorstellen kann. Hätten diese Opfer nicht eine kritische Nachfrage verdient gehabt? Hatte die Nato wirklich keine andere Wahl, als ihr "Feuer" von den Rebellen "lenken zu lassen"? War ihr Tod zum Wohl einer größeren Zahl oder der Allgemeinheit gerechtfertigt oder trieb er nicht statt dessen die überlebenden Zivilisten geradewegs in die Arme der Rebellen? Warum stellt die Zeit diese Fragen nicht? Plagt sie nicht die Sorge zur Komplizin der "Propagandamaschine" der Nato werden zu können? Oder hält sie den Einsatz a priori für gerecht? Ist die Redaktion vielleicht der Auffassung, durch eine umfassende Berichterstattung über die zivilen Opfer der Nato-Einsätze zum Sprachrohr der Terroristen zu werden, etwa weil solche Berichte in der Bevölkerung viel eher Abzugsforderungen auslösen könnten als Berichte über die Geiselnahme?
Diese Fragen möchte ich nun an die Redaktion der Zeit richten, da ich selbst nicht mehr weiter weiss und mir redlich Mühe gegeben habe, Ihre Frage zu beantworten.
Mir scheint jedoch, dass die Tragik und das Dilemma der jetzigen Geiselnahme in einem anderen Licht erscheinen würden, wenn Sie in vergleichbarer Ausführlichkeit über die zivilen Opfer der Nato-Einsätze berichteten. Ich unterstelle damit keinen Ursachenzusammenhang zwischen beidem. Aber wir wissen, dass die aktuellen Entführungen aus einem Umfeld stammen, das von großer Brutalität geprägt ist. Indem Sie aber das jetzige Geiseldrama mit den RAF-Entführungen gleichsetzen, haben Sie es zugleich aus seinem eigentlichen Kontext gelöst und in das freiheitlich-demokratische und sichere Umfeld der Bundesrepublik Deutschland verpflanzt, wo es auf Erwartungen und Emotionen trifft, die sie auch ansprechen, die ihm aber nicht angemessen sind.
Die Medien kommen gar nicht darum herum, aufwuehlende oder tragische Nachrichten zu bringen, weil das die Auflage steigert und somit das Geschaeft. Als in Mexiko neulich eine Mafia 5 abgeschnittene Koepfe der Konkurrenz aus einem Sack in eine Bar trudeln liess, blieben die da solange liegen, bis die Fotos gemacht und an die Medien verkauft waren. Die Einschaltquote bei den Nachrichten war danach hoeher als sonst.
Oh je! Das stelle ich mir geradezu grauenerregend vor: Die Redaktion von ZEIT online diskutiert wieder einmal rat- und hilflos ihre Verantwortung dem Leser, den Entführten und dem Weltfrieden gegenüber - wenn diese Meldung kein Mitleid erregt, weiß ich nicht, was man noch schreiben soll.
Mal ehrlich, Jungs und Mädels: Was genau hat man euch eigentlich während eures jahrelangen Journalismus-Studiums beigebracht? Und was hat euch eure jahrelange Berufspraxis gelehrt? Ausgewogenheit? Sachlichkeit? Korrektheit? Oder Selbstmitleid? Wer, bitte sehr, soll euch glauben, dass ihr allen Ernstes hilflos zitternd auf die Meinungsäußerungen eurer hochgeschätzten Leserschaft wartet und die grundsätzliche Ausrichtung eurer weiteren Berichterstattung von acht bis zehn Leserbriefschreibern abhängig machen wollt?
Die Zeit gibt es laut Wikipedia seit dem 21. Februar 1946. Mit mehr als 61 Jahren sollte man eigentlich wissen, was und wie man sich äußern darf, wenn sie mit sich selbst im Reinen bleiben will, findet ihr nicht? Ganz besonders dann, wenn man sich seit seiner Geburt bewusst und mit Aspruch im Lichte der Öffentlichkeit bewegt. Und wie war das noch gleich mit dem Pluralismus in den modernen Medien? DIE Zeit, nicht wahr, sollte es eigentlich gar nicht geben.
Nur durch die Veröffentlichung der Geiselnahmen und deren ständige Aktualisierung in den Medien wird der von den Geiselnehmern beabsichtigte Druck erzeugt. Es liegt in der Verantwortung der Medien, in welcher Form mit den Geschehnissen umgegangen wird. Hier läßt am sich am deutlichsten die Qualität der Berichtserstattung und damit auch des Mediums erkennen. Auflagesteigernde Sensationsgeschichten der Primitivpresse richten da allerdings erheblichen Schaden an.
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