Nachruf Im Labor der Moderne

Im Alter von 94 Jahren starb am Montagabend der italienische Filmemacher Michelangelo Antonioni. Der Regisseur von "Blow Up" und "Zabriskie Point" setzte sich in seinen Filmen mit Entfremdung und Einsamkeit auseinander

Mit Michelangelo Antonioni verliert das moderne Kino eine Schlüsselfigur. Zusammen mit Federico Fellini und Luchino Visconti gehörte er in den Nachkriegsjahren zu den großen Drei der italienischen Filmlandschaft.

Visionär in der Ästhetik, von analytischer Kälte im Detail: Antonionis Filme wagten sich weiter vor als die seiner Zeitgenossen. Allenfalls Jean-Luc Godard experimentierte in Frankreich mit ähnlicher Vehemenz und ästhetischer Verve. Während Godard sich jedoch zunächst an den klassischen Genres abarbeitete, war Antonionis Thema von Anfang an die Einsamkeit der Menschen, eingefangen in schön kadrierten Bildern. Seine Kamera registrierte mit mikroskopischer Genauigkeit Entfremdungen – die Misere der Moderne.

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Seine Protagonisten durchwanderten eine Welt, in der die Suche nach zwischenmenschlicher Nähe, nach Austausch lediglich ein Versprechen blieb. Die Schauspielerin Monica Vitti, Antonionis Muse in vielen seiner Filme, verkörperte diese Rolle mit einer Sensibilität, die auch noch die letzten Regungen der Seele auslotete. In der kühlen Gleichgültigkeit und Zerbrechlichkeit ihres Gesichts spiegelte sich das ganze Elend des modernen Lebens und der Liebe wider.

Angefangen hatte Antonioni mit Filmen, die noch dem italienischen Neorealismus zugerechnet werden. Doch bereits in Gente Del Po ( Menschen am Po , 1943-47), Chronica di un amore ( Chronik einer Liebe , 1950) und Il Grido ( Der Schrei , 1957) ging es im Kern um etwas anderes. Die karge Landschaft der Po-Ebene diente ihm als Metapher für existenzielle Fragen, die sich in allen seinen Filmen finden lassen.

Seine künstlerisch wichtigste Zeit erlebte Antonioni in den sechziger und frühen siebziger Jahren. Die Themen, die er bereits früher umkreist hatte, gestaltete er nun auch filmisch wegweisend: voller narrativer Brüche, Leerstellen und Stilelemente des Experimentalfilms. Im großen Kino war das neu. Industriebrachen, Landschaften, die sich im Nebel verlieren, architektonische Details korrespondierten direkt mit der Innenwelt der Protagonisten. In Deserto Rosso ( Die rote Wüste , 1964), seinem ersten Farbfilm, ließ Antonioni Bäume und Sträucher einfärben, um die Leere und Verzweiflung seiner Heldin Giuliana (Monica Vitti) in Bilder zu fassen.

Dem großen Publikum bleibt Antonionis Name vor allem mit Blow Up (1966) und Zabriskie Point (1970) verbunden. Für Blow Up , sein Porträt des Swinging London und eine Reflexion über Bild und Abbild, erhielt er 1967 die Goldene Palme in Cannes. Zabriskie Point war Antonionis Hommage an die amerikanischen Studentenunruhen von 1968. Sowohl die gesellschaftliche als auch die private Revolte scheiterten darin. Zeit seines Lebens blieb der italienische Regisseur ein Pessimist und nach seinem Verständnis: ein Chronist.

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