John Cage, Komponist, Pilzsammler und Philosoph, starb am 12. August vor 15 Jahren. An einem Schlaganfall, der so überraschend kam wie die Perkussion in seinen Kompositionen. Für die Musikwelt war sein Tod ein Paukenschlag, der alles Gewesene mit einem mächtigen Rumms in sich verschlang. Und da war sie wieder: die Stille. Zeitweise kehrten jene Konzepte zurück, die Cage ein Leben lang auflösen wollte: das Nichts, die Stille, die Frage nach dem Sinn.

Think of my art as nonsense “, hatte er geschrieben. Man solle seine Kunst als sinnlos verstehen. Sie habe kein Ziel, keine Botschaft und ihr läge nichts zugrunde außer dem Zufall.

Mehr noch als die starren Kompositionskonventionen seiner Zeit lehnte er Musik ab, die sich in einen Dienst stellte, zumal in den der Politik. Konsequent hielt er sich aus dem Tagesgeschehen heraus. Selten nahm er öffentlich Stellung, schon gar nicht schwarz auf weiß. Seit den sechziger Jahren ging er nicht mehr wählen. Er verließ New York City und zog in eine kleine Künstlerkommune auf dem Land. Er entzog sich der Gesellschaft und der Politik, und seinen Werken den Sinn und die Absicht. Aber enthalten seine Stücke, in ihrer Inhaltslosigkeit und Nicht-Intentionalität, keine klare gesellschaftspolitische Vision?

Seit seinem Tod hat die Cage-Forschung eine Renaissance erlebt. Literatur-, Musik- und Theaterwissenschaftler widmen sich seinen Werken mit wachsendem Interesse. Marjorie Perloff, die wohl prominenteste Cage-Forscherin, arbeitet derzeit an einem neuen Buch, ebenso der einflussreiche Musikologe David Wayne Patterson.

Stets im Mittelpunkt steht 4’33'' , jenes Stück, das der Pianist David Tudor vor 55 Jahren im ländlichen Woodstock uraufführte – nicht weit von jener Wiese der Rebellion, die 17 Jahre später weltberühmt werden sollte. Cage wandte sich mit seinen 4 Minuten und 33 Sekunden gegen die herrschende Musik. Kein einziger intendierter Ton ertönte in dem stillen Stück. Es gab bloß Nebengeräusche. Alles sollte gehört werden: das Husten des Nebenmanns, der Lärm von der Straße, das nervöse Hin- und Herrücken Gelangweilter auf den harten Konzertsaalstühlen. Cage wollte keinen Unterschied zwischen guten und schlechten Tönen mehr machen und auch nicht zwischen Klang und Stille. Eine musikalische Revolution, die natürlich nicht aus dem Nichts kam, aber dennoch das Publikum gehörig überraschte.

Cage, der Rebell, das enfant terrible der klassischen Musik, das sein Publikum immer wieder verschreckte, es in den Wahnsinn trieb, wie ein Kritiker der New York Times einst feststellte. Er sei ein grenzenloser Optimist gewesen, sagen Weggefährten, ein Träumer, der durchaus eine gesellschaftspolitische Vision hatte. Über einen Zeitraum von fast 20 Jahren schrieb Cage sein Kettengedicht Diary: How to Improve the World , also ein Tagebuch zur Rettung der Welt. Er fügte ihm listig den Untertitel zu: „Du wirst alles nur schlimmer machen“, aber geschrieben hat er es dennoch.

Ja, Cage wollte seinem Spaceship Earth helfen, sicher durch Zeit und Raum zu gleiten. In seinen Büchern finden sich etliche Hinweise, dass Cage viel politischer war, als viele seiner Hörer glaubten – und möglicherweise er selber auch.