Finanzmärkte Fehler im Finanzsystem
Die Aktienbörsen beruhigen sich, am Geldmarkt entspannt sich die Lage. Vorläufig. Denn die Gefahren bleiben.
Haben wir das Schlimmste überstanden? Nach der Aufregung der vergangenen Tage kehrte an den Weltbörsen am Montag erst einmal Ruhe ein. In Asien, Europa und den USA stiegen die Aktienkurse wieder an - zwar zunächst nur ein wenig, aber immerhin war den Anlegern eine Verschnaufpause vergönnt.
Sie sollten sie nutzen, um Kraft zu schöpfen für das, was noch auf sie zukommt. "Die Hiobsbotschaften werden uns in nächster Zeit nicht ausgehen", zitiert die Nachrichtenagentur Reuters einen Marktstrategen. Angst und Nervosität werden die Finanzmärkte weiterhin regieren. Denn noch immer ist nicht klar, welchen Schaden die US-Immobilienkrise - besser: die leichtsinnige Verbriefung der mit Immobilien besicherten Kreditrisiken und ihre Verteilung im Finanzsystem der Welt - genau angerichtet hat. Niemand weiß, welche Geldinstitute noch Verluste werden einräumen müssen, wen sie dadurch noch in den Sog der Krise ziehen.
Zwar haben einige Finanzhäuser schon eingestanden, Immobilienkredite minderer Bonität oder damit verbundene Papiere in ihren Büchern zu halten, wie etwa die WestLB und die Postbank ; oder dem insolventen Hypothekenfinanzierer HomeBanc Geld geliehen zu haben, wie die Commerzbank oder die französische BNP Paribas . Im Fall der Deutschen Bank geben, so berichten verschiedene Internetdienste, öffentlich zugängliche Dokumente der US-Finanzaufsicht Aufschluss darüber, dass auch sie zu den Gläubigern der zahlungsunfähigen HomeBanc gehört. Doch all das sagt noch nichts darüber aus, ob die Institute tatsächlich Verluste aus diesen Engagements in Kauf nehmen und wie hoch der Betrag ist, den sie gegebenenfalls abschreiben müssen.
WestLB und BNP Paribas beispielsweise beteuern, ihr Kapital sei sicher. Aber wer weiß schon, ob das wirklich so ist? Zudem kann jede neue Insolvenz eines US-Immobilienfinanzierers weitere Löcher in die Bilanzen der Geldhäuser reißen. Solange diese Unsicherheit anhält, werden sich die Märkte nicht beruhigen.
Auch die Lage am Geldmarkt wird angespannt bleiben, selbst wenn die Europäische Zentralbank heute versuchte, die Teilnehmer zu beschwichtigen. Es sei ausreichend Liquidität vorhanden, sagte ein Sprecher. Warum aber sollten sich die Banken bereitwilliger Kredit geben als in der vergangenen Woche, solange sie nicht abschätzen können, welche Gefahr sie eingehen?
Das zerrt an den Nerven. Doch die Krise kann auch heilsam sein. Durch die Turbulenzen lernen die Anleger, die Chancen und Gefahren einer Investition realistischer einzuschätzen. Auf die schmerzhafte Tour bekommen sie nun eine gesunde Skepsis gegenüber den Renditeversprechen so mancher Wertpapieremittenten verpasst. Nebenbei lernen sie, dass auch dem Urteil der Ratingagenturen nicht immer zu trauen ist. Das ist eine wichtige Lektion: Stecke dein Geld nicht in Anlageprodukte, die du nicht verstehst. In rosigen Börsenzeiten verdrängt man sie leicht. Im ersten Börsenhalbjahr 2007 beispielsweise hatten die Anleger gar nichts für die Risiken des Markts übrig. Nun schauen sie auf nichts anders als auf seine Gefahren. Vielleicht finden sie ja doch irgendwann einen Weg, Risiken und Chancen realistisch und sachlich abzuwägen.
- Datum 14.08.2007 - 04:40 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren