Der Mann ist schwer zu fassen. Brewster Kahle ist Internet-Unternehmer, Programmierer, Netz-Vordenker. Sein bekanntestes Projekt ist das Internet-Archiv archive.org, das Kopien von jeder erreichbaren Internetseite abspeichert und für die Zukunft aufbewahrt. Jetzt hat er sein neustes, geradezu größenwahnsinniges Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt, die Open Library . Kahle: "Wir arbeiten an einer Bibliothek, die sämtliche veröffentlichten Werke der Menschheit verfügbar macht - für jeden in der ganzen Welt."

Die künftige Welt-Bibliothek empfängt den Bücherfreund noch nicht sehr eindrucksvoll: In den virtuellen Regalen findet sich bisher allein eine Handvoll Bücher amerikanischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts. Bekanntere Autoren oder weltbewegende Werke sucht man vergebens. Immerhin vermittelt die Benutzeroberfläche schon einen Eindruck, wie die digitale Bibliothek funktionieren soll. Mit einem Mausklick kann man die Bücher öffnen und bekommt die gescannten Originalwerke zu sehen. Ein Klick auf die rechte Seite blättert nach vorne, ein Klick auf die linke blättert zurück. Wer nicht auf dem Bildschirm lesen will, kann auch eine PDF-Fassung herunterladen und sich das Buch ausdrucken - kostenlos und jederzeit verfügbar.

Um die noch leeren virtuellen Regale zu füllen, setzen die Projektinitiatoren unter anderem auf die Mitarbeit von Freiwilligen. Sie haben eine Webseite eingerichtet, in der jeder Internet-Nutzer Angaben über Bücher eintragen kann. Die Funktionsweise ist die gleiche wie bei der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia, für die mehrere tausend Freiwillige tagtäglich arbeiten. Dort hat das Prinzip Erfolg: Immerhin wurden inzwischen fast acht Millionen Beiträge in über 200 Sprachen verfasst - Wikipedia ist für viele Internetnutzer das Nachschlagewerk Nummer eins.

Doch anders als bei Wikipedia können die Freiwilligen bei der Open Library nicht einfach losschreiben. Im Bibliothekskatalog sind vor allem strukturierte Daten gefragt: Name des Autors, Titel, Erscheinungsjahr, ISBN-Nummer. Eine Art persönliche Homepage für jedes Buch soll auf diese Weise entstehen. Erst in einem zweiten Schritt soll auch der Volltext der Bücher eingetragen werden. Die mühselige Tipparbeit macht bei Weitem nicht so viel Spaß ist wie das Erstellen von eigenen Enzyklopädieartikeln. So haben sich erst ein paar Enthusiasten gefunden, die die vorhandenen Buchinformation ergänzen. Ob die jedoch alle Daten korrekt erfassen, ist unsicher. So zeigt eine Suche nach "Mark Twain", dass der Katalog allein fünf verschiedene Schreibweisen des Autorennamens verzeichnet. Nur mit zusätzlicher Arbeit können alle Werke dem einen Autor zugeordnet werden. Die Werke erscheinen in der virtuellen Bibliothek in bewährter Buchform -­ Blättern inklusive

Darum will sich Kahle auch nicht auf freiwillige Hilfskräfte allein verlassen. Die Projektorganisatoren bauen auf professionelle Unterstützung. Kahle ruft Bibliotheken weltweit dazu auf, ihre Katalogdaten zu spenden, die dann automatisch in die Open Library eingearbeitet werden könnten. Doch die Begeisterung der Bibiotheken hält sich in Grenzen. Bei der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt und Leipzig winkt man ab: Zwar hat man schon von dem Projekt gehört, die Bibliothek hat aber keine Pläne, ihren Datenbestand an das US-Projekt weiterzugeben. Bibliografische Daten sind die Handelsware der Bibliothekare, normalerweise werden sie nur gegen Gebühr weitergegeben.

Marion Mallmann-Biehler, Direktorin des Bibliotheksservice-Zentrums Baden-Württemberg , kann sich zumindest vorstellen, die Katalogdaten an ein unkommerzielles Unternehmen weiterzugeben. In den Computern des Zentrums werden die Katalogdaten von über 1200 Bibliotheken verwaltet, mehr als 12 Millionen Titel sind hier erfasst. Doch Mallmann-Biehler rechnet nicht damit, dass sich deutsche Bibliothekare für das US-Projekt erwärmen können. Zu viele Projekte bemühen sich bereits um die Verwaltung von Büchern, Zeitschriften und Kulturgütern. So können Wissenschaftler bereits über den Karlsruher Virtuellen Katalog über 500 Millionen Buchtitel recherchieren. Die Europäische Union plant eine digitale Gemeinschaftsbibliothek, um die europäischen Kulturgüter auf einer Plattform zu vereinen. Für das amerikanische Projekt sehen die Bibliothekare deshalb kaum Bedarf.