Medien PR in der Grauzone
Bundeswirtschaftsminister Glos ist wegen einer umstrittenen Anzeigenkampagne in die Kritik geraten: Ein Interview mit der Presserechtlerin Dorothee Bölke über die Trennung von Anzeigengeschäft und redaktioneller Arbeit.
Nach Berichten des Kölner Stadtanzeigers soll eine PR-Agentur, die für das Bundeswirtschaftsministerium eine Kampagne zur Förderung des Mittelstands organisiert hat, versucht haben, Anzeigen gegen journalistische Berichterstattung zu platzieren . Ein Mitinhaber der Agentur, Jan Flaskamp, entschuldigte sich am Montag für das Vorgehen der Firma. "Ein Mitarbeiter von uns hat zwei Vorgänge verbunden, die hätten getrennt werden müssen." Das Wirtschaftsministerium hat sich mittlerweile von der Werbeagentur getrennt. Ein Gespräch mit Dorothee Bölke vom Hamburger Ethikrat über die zunehmende Vermischung von PR und redaktioneller Berichterstattung.

Dorothee Bölke, Rechtsanwältin und Mitglied des Ethikrates der Akademie für Publizistik
ZEIT online: Eine Berliner Werbeagentur hat als vom Wirtschaftsministerium beauftragte Vermarktungsfirma Regionalzeitungen bezahlte Anzeigen als Gegenleistung für Berichte über die Veranstaltungen des Ministeriums angeboten. Wie ist das aus medienethischer Sicht zu bewerten?
Dorothee Bölke: Wenn die Vorwürfe des Kölner Stadtanzeigers zutreffen, ist das ein gravierender Fall. Die Praxis der Werbeagentur ist dann ethisch und rechtlich zu verurteilen.
ZEIT online: Was genau ist daran unethisch?
Bölke: Die Agentur übt durch wirtschaftlichen Druck Zwang auf die Redaktionen aus. Das ist eine Form von Nötigung, eine Berichterstattung aufzunehmen, und greift gravierend in die Gestaltungsfreiheit der Redaktion ein. Nun kann man sagen: Die Redaktion entscheidet selbst, was sie tut. Trotzdem bringen Werbeagenturen Redaktionen mit einer solchen Praxis in eine schwierige Lage.
Eine derartige Verquickung von Berichterstattung und Anzeigenaufträgen herzustellen ist eine Missachtung der journalistischen Freiheit. Medienhäuser trennen das Anzeigengeschäft von der redaktionellen Arbeit. Wenn eine Agentur diese Trennung nicht respektiert und nicht zwischen PR und Pressearbeit unterscheidet, missachtet sie die journalistische Arbeit.
ZEIT online: War das Angebot der Agentur Flaskamp eine peinliche Panne oder handelt es sich um bewusste Einflussnahme?
Bölke: Das kann ich aus der Distanz nicht bewerten. Ich weiß aber aus meiner Arbeit, dass diese Form der Einflussnahme immer wieder versucht wird, und man muss annehmen, dass sie ab und zu auch gelingt. Das ist eine Grauzone. Weil die Methoden der Agenturen sehr subtil sind, ist es schwer, etwas zu beweisen. Das macht die Sache so schlimm und deswegen muss den Redaktionen auch geholfen werden, eine klare Linie in dieser Frage zu finden. Sie müssen solche Versuche sofort erkennen und dann mit großer Klarheit abwehren. Dazu benötigen sie auch die Unterstützung ihrer Verlage und Medienhäuser.
- Datum 14.08.2007 - 09:17 Uhr
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Die 100%ige Trennung von Redaktion und Marketing ist ein unausrottbarer, ewiger Wunschtraum nicht nur der Journalisten. Schlimmer als die Einflußnahme von außen finde ich die Selbstkastration aus wirtschaftlichen Gründen. Mir ist keine Zeitung bekannt, die nicht auch mit einem Auge auf ihre "Gönner" (Anzeigenkunden; Politiker als News-Lieferanten) blickt. Die einzige Lösung: An die Primärquellen ran oder wenigstens so viele verschieden Quellen wie möglich.
Einen Wirtschaftsminister Glos sollte sich die Republik auf jeden Fall ersparen.
Was die Medien betrifft: Deren Erkenntnisübemittlung halte ich nur für beschränkt funktionsfähig, denn neben ideologischer Vebohrtheit haben wir in diesen Bereich noch gravierende wirtschafltiche Abhängigkeit zu konstatieren.
Aber ich bin überzeugt, wir haben trotzdem die beste Lösung hinsichtlich Regierungsform und Pressefreiheit. Die Empirie lehrt uns das.
erwischt.
ich schwör dir liebling, es war das erste mal. gefallen hat es mir auch nicht.
ehrlich
...ich habe erst gar nicht verstanden, was da kritisiert wurde, dieses Vorgehen ist doch ganz normal in der Presselandschaft. In meinem letzten Betrieb habe ich das zufällig mitbekommen, Anzeigen gegen Sonderberichterstattung.
So ein Sonderbericht ist halt idR fast ausschliesslich Werbung, offenbar nicht nur in der Technik-Presse, nur dass halt nicht "Anzeige" drübersteht.Sehr wirkungsvoll bei unbedarften Zeitgenossen.
Das vermittelt auch einen guten Eindruck, was man mit der Freischaltung von Werbung auf dem ÖRF angerichtet hat. Wie sagte der Intendant? "Man ist jetzt wesentlich näher am Markt" oder so *g* und da zählt weniger die Qualität und das Niveau, als vielmehr das was rausspringt. Von mir aus hätte man wenigstens die ÖR-Kernsender (ARD) werbefrei halten müssen, zum Glück gibts, wenigstens im Radio, noch den Deutschlandfunk und im Fernsehen so Sparten-TV wie Arte. Sonst würde ich die Kisten ganz auslassen. Was aus den restlichen ÖR-Radio/TV-Sendern geworden ist, treibt mir gelegentlich die Tränen in die Augen.
MfG
AKu
Wer noch an unabhängigen und kritischen Journalismus glaubt, hat wohl noch keine Berührung mit der Realität der täglichen Arbeit in einer PR-Agentur gehabt...
Ich arbeite in einer solchen und jedes Mal, wenn wir Pressemitteilungen versendet haben, erreichen uns die Anrufe aus den Anzeigenabteilungen der Verlage bzw. von den Redakteuren selbst. "Ja, an einem Abruck Ihrer PI haben wir Interesse, aber nur, wenn Sie uns einen Druckkostenzuschuss zahlen oder eine Anzeige schalten." Kein Geld, kein Abdruck, wenn man nichts absolut Sensationelles zu sagen hat.
Ich weiß nicht, wie das bei der Tagespresse aussieht, aber bei Fachzeitschriften und Verbrauchermagazinen ist das die übliche Praxis.
Man schaue sich eine beliebige Zeitschrift an - es werden beispielsweie neue Kosmetikprodukte vorgestellt und (positiv) besprochen - drei Seiten weiter findet sich die Anzeige des Herstellers. Tja... Und wenn man Kunden vetritt, die kein Geld für solche Dinge ausgeben können und wollen, dann ist es schwer, Themen zu platzieren.
Das ist doch schon lange bekannt. Ich kann mich an einen halbseitigen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vor zwei oder drei Jahren erinnern, in dem der Autor schreibt, dass es ausser der Berliner TAZ keine deutsche Zeitung gibt, in der die Anzeigenabteilung nicht in die Redaktionen hineinspricht und nimmt dabei explizit seine eigene Zeitung, die Süddeutsche, NICHT aus. Letztlich brauchen die Zeitungen ja Anzeigen zum Überleben.
In Zeiten knapper Mittel müssen diese gezielt und effizient eingesetzt werden. Dabei instrumentalisieren die Agenturen auch bewusst Organisationen wie Verbraucherschutz, Deutsches Institut für Normierung und Stiftung Warentest, wie man in dem Blogbeitrag http://www.sprachkurs-spr... nachlesen kann. Ein wenig überraschend fand ich das schon.
Die öffentlich rechtlichen Anstalten machen es doch genau so. Ein kleiner Zuschuss zu den Produktionskosten und schon fährt der Täter einen AUDI und trinkt ein Warsteiner Pils in der Kneipe. Er könnte auch mit einem Taxi fahren und in der Kneipe ein Glas Wasser trinken.
Ich kritisiere, dass das Ministerium Anzeigen über eine PR-Agentur schaltet.
Das Ministerium sollte mit Arbeit und sinnigen Vorschlägen aufwarten. Politik ist mittlerweile so einfach geworden:
Anzeigen versprechen viel in einer schönen, großen Verpackung. Doch der "Kunde" erhält nur heiße Luft für seine Wählerstimme, die ihm die Kehle austrocknet.
”Ich teile Ihre Meinung nicht, ich werde aber bis zu meinem letzten Atemzug dafür kämpfen, daß Sie Ihre Meinung frei äußern dürfen.”
Voltaire
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