DDR-Geschichte Diskussion über Schießbefehl
Nach dem Fund eines Stasi-Dokuments sind Forderungen nach neuen Ermittlungen zu den Grenzmorden laut geworden. Der Schießbefehl wurde allerdings bereits vor zehn Jahren dokumentiert
Inmitten der erneut aufgekommenen Diskussion über einen Schießbefehl an der früheren innerdeutschen Grenze wird in Berlin an den Bau der Mauer vor 46 Jahren erinnert. Am 13. August 1961 hatte die DDR mit der Abriegelung der Grenzen zu West-Berlin begonnen und damit die deutsche Teilung besiegelt, die erst mehr als 28 Jahre später, am 9. November 1989, mit dem Fall der Mauer zu Ende ging. Nach neuen Erkenntnissen starben zwischen 1961 und 1989 allein an der Berliner Mauer 133 Menschen.
Am Wochenende hatte der Fund eines uneingeschränkten Stasi-Schießbefehls auf DDR-Flüchtlinge für Wirbel gesorgt. Das Dokument ordnete an, unverzüglich auf Flüchtlinge zu schießen, selbst wenn diese in Begleitung von Kindern waren. Der frühere DDR-Staatschef Egon Krenz streitet dennoch weiterhin ab, dass es einen solchen Befehl gab. "Es hat einen Tötungsbefehl, oder wie Sie es nennen "Schießbefehl", nicht gegeben. Das weiß ich nicht aus Akten, das weiß ich aus eigenem Erleben. So ein Befehl hätte den Gesetzen der DDR auch widersprochen", sagte Krenz der
Bild
-Zeitung.
Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, Marianne Birthler
, will untersuchen, ob das nun öffentlich gemachte Dokument für strafrechtliche Ermittlungen von Bedeutung ist. Es "beschreibt eine Befehlslage, nicht die Durchführung einer Tötung, was Voraussetzung für eine Strafverfolgung wäre", sagte Birthler der
Berliner Zeitung
. "Es ist kein Befehl, der sich an die Grenzsoldaten richtete, sondern ein Befehl an eine besondere Stasi-Einheit, die die Fahnenflucht von Soldaten mit allen Mitteln verhindern sollte."
Bodo Ramelow, Vize-Fraktionschef der Linken im Bundestag, kritisierte die Birthler-Behörde scharf: Er könne nur mit Kopfschütteln registrieren, dass die Behörde der Öffentlichkeit nun selbst längst bekannte Dokumente als vermeintliche, sensationelle Geheimakten präsentiere, um ihre Arbeit zu rechtfertigen, sagte er der in Erfurt erscheinenden
Thüringer Allgemeinen
.
Auch der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Arnold Vaatz betonte in der
Leipziger Volkszeitung
, der Sachverhalt sei schon lange bekannt. "Aber mit diesem Fund wird deutlich, dass die Versuche, die von Seiten der PDS, der heutigen Linken, insbesondere von der kommunistischen Plattform, immer wieder unternommen worden sind, die Existenz des Schießbefehls prinzipiell abzustreiten, ein Lügengebilde waren."
Der frühere DDR-Bürgerrechtler Werner Schulze sieht sich bestätigt: "Dass es einen Schießbefehl gab, wurde ja nur noch von Anhängern des SED-Regimes geleugnet", sagte er der
Neuen Presse
. Für ihn stelle sich die Frage, wie viele der Verantwortlichen noch zur Rechenschaft gezogen werden könnten: "In Italien werden bis heute noch Täter bestraft, die Ende des Zweiten Weltkriegs für Hinrichtungen verantwortlich waren. Und die Erschießungen von Flüchtlingen an der Mauer waren nichts anderes als Hinrichtungen", fügte der Grünen-Politiker hinzu.
Der Bürgerrechtler und letzte DDR-Verteidigungsminister Rainer Eppelmann (CDU) sagte, der Fund müsse Anlass sein, "die umbenannte SED nach ihrem Schuldeingeständnis zu fragen". Der Fund sei überraschend. "Dass das Grenzregime grausam und faschistoid war, das war bekannt", sagte er der
Mitteldeutschen Zeitung
Der Schießbefehl war bei einer Recherche in Dokumenten der Magdeburger Außenstelle der Stasi-Akten-Behörde entdeckt worden. Nach einem Bericht der
Magdeburger Volksstimme
enthielt eine Dienstanweisung der Einsatzkompanie des Ministeriums für Staatssicherheit vom Oktober 1973 die Aufforderung, Flüchtlinge zu "stellen bzw. liquidieren". In dem Dokument steht: "Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schusswaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen, was sich die Verräter schon oft zu nutze gemacht haben."
Nach Informationen der Zeitung
Die Welt
handelt es sich allerdings nicht um einen neuen Aktenfund. Der Text sei bereits 1997 in einem Dokumentenband zur DDR-Geschichte veröffentlicht worden. Die Passage aus dem Schießbefehl, auch gegen Frauen und Kinder vorzugehen, finde sich wörtlich in dem Dokumentenband zur DDR-Geschichte. Der entsprechende Befehl war demnach in einem "Archivierten IM-Vorgang" gefunden worden. Er trage eine Signatur der Birthler-Behörde und sei von einem Behördenforscher publiziert worden, schrieb die Zeitung.
Die Stasi-Kompanie wurde 1968 gebildet und bestand bis 1985. Ihre Mitglieder seien in die Grenztruppen eingeschleust worden und sollten dort Grenzdurchbrüche verhindern. Die
Welt am Sonntag
schildert den Fall eines Mannes, der einen Auftrag unterschrieben hatte, welcher ihn zum rücksichtslosen Gebrauch der Schusswaffe gegen DDR-Flüchtlinge verpflichtete.
- Datum 13.08.2007 - 12:59 Uhr
- Quelle ZEIT online, Tagesspiegel, dpa
- Kommentare 17
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... dass es DEN Schießbefehl nicht gab. Er betraf nur einige Stasileute, und wer sich nicht an die international üblichen Regeln der Wachdienstdurchführung hielt und verbrecherischen Befehlen Folge leistete soll strafrechtlich verfolgt werden.
Die Masse der Grenzsoldaten jedoch führte normalen Wachdienst durch und hielt sich an die Regeln. Wenn Personen militärische Objekte (und dazu gehörten die Grenzsicherungsanlagen) betreten und nach mehrmaliger Aufforderung und Warnschüssen in die Luft dem Wachpersonal nicht Folge leisten, dann sind Schüsse rechtmäßig und auch international anerkannt. Wer das nicht begreift leidet einfach an totalem Realitätsverlust.
Die Flüchtlinge sind für ihren Tod selbst verantwortlich. Die DDR hat die Grenze mehrfach gesichert, ein zufälliges Betreten war nicht möglich.
Das das Einsperren eines Volkes ein Verbrechen ist steht auf einem anderen Blatt.
Im Übrigen wäre ich vorsichtig mit "Dokumenten" welche jetzt noch auftauchen. Die müssen nicht zwangsläufig echt sein. Die Geschichte ist voll von Fälschungen.
war eine Kopie des jeden KZ Zauns. An dem 1000-e Menschen erschossen wurden. Also: in dem Fall der DDR Grenze handelt sich um die Fortsetzung des Nazionalsozialismus mit anderen Mittel.
... auch eine Militärgrenze. Es darf daran erinnert werden dass die beiden damaligen Supermächte bereit waren sich auf Knopfdruck auszulöschen. Was erwarten Sie an der Grenze zwischen diesen Systemen? Einen Golfplatz?
Hätte es keine Kernwaffen gegeben dann hätten wir wahrscheinlich eine zweite Maginotlinie in Deutschland gehabt.
Im Übrigen wurde das deutsche Gebiet schon einmal in der Geschichte von einer Großmacht geteilt. Ich bin sicher auch damals ist schon geschossen worden wenn jemand die Grenzanlagen verletzt hat.
- stimmt: die Nazis (von "Nazionalsozialisten"?) haben ja
auch ihre Grenzen immer sehr beständig, sozusagen unverrückbar, gehalten!
... auch eine Militärgrenze. Es darf daran erinnert werden dass die beiden damaligen Supermächte bereit waren sich auf Knopfdruck auszulöschen. Was erwarten Sie an der Grenze zwischen diesen Systemen? Einen Golfplatz?
Hätte es keine Kernwaffen gegeben dann hätten wir wahrscheinlich eine zweite Maginotlinie in Deutschland gehabt.
Im Übrigen wurde das deutsche Gebiet schon einmal in der Geschichte von einer Großmacht geteilt. Ich bin sicher auch damals ist schon geschossen worden wenn jemand die Grenzanlagen verletzt hat.
- stimmt: die Nazis (von "Nazionalsozialisten"?) haben ja
auch ihre Grenzen immer sehr beständig, sozusagen unverrückbar, gehalten!
Killefitt - unser "Bundesinnenminister" holt mit 1 einzigen Rakete DOPPELT soviel vom Himmel, wenn er erst mal seine Pläne zum Abschuß von entführten Passagiermaschinen durch die Instanzen gepeitscht hat.
Die DDR-Vergangenheit ist hierzulande noch immer nur ungenügend aufgearbeitet. Es ist bezeichnend, wenn die "taz" heute auf ihrer Titelseite schreibt, viele Deutsche würden die DDR nur noch "als Teil der Popkultur mit 70er-Jahre-Tapete und Honecker-Bildern" wahrnehmen.
Das ist in der Tat so! Und es spricht Bände, wie hierzulande mit der deutschen Geschichte umgegangen wird: wenn einerseits kaum eine Woche vergeht, in der im Fernsehen nicht irgendein Dokumentarfilm über die NS-Diktatur läuft, andererseits aber über die zweite totalitäre Diktatur auf deutschem Boden, nämlich dem SED-Regime, kaum je etwas gezeigt wird (abgesehen von der x-ten Wiederholung verniedlichender Kinohits wie "Good Bye, Lenin" oder "Sonnenallee" im Abendprogramm).
Haben Sie "Good Bye Lenin" denn wirklich gesehen? Da werden die Gewalttätigkeit von Volkspolizei und Stasi, ebenso die Konsequenzen der allgegenwärtigen Repression, die Zerstörung von Lebensläufen, Karrieren und Familien doch ausführlich dargestellt.
Was finden Sie denn daran verniedlichend?
("Sonnenallee" habe ich nicht gesehen, da kann ich nix zu sagen)
Haben Sie "Good Bye Lenin" denn wirklich gesehen? Da werden die Gewalttätigkeit von Volkspolizei und Stasi, ebenso die Konsequenzen der allgegenwärtigen Repression, die Zerstörung von Lebensläufen, Karrieren und Familien doch ausführlich dargestellt.
Was finden Sie denn daran verniedlichend?
("Sonnenallee" habe ich nicht gesehen, da kann ich nix zu sagen)
mit der nach dem II Weltkrieg notwendigung Eindämmung deutscher Machtgelüste die heutigen Grenzäune in Palästina und an den Schengen Aussengrenze relativieren.
Haben Sie "Good Bye Lenin" denn wirklich gesehen? Da werden die Gewalttätigkeit von Volkspolizei und Stasi, ebenso die Konsequenzen der allgegenwärtigen Repression, die Zerstörung von Lebensläufen, Karrieren und Familien doch ausführlich dargestellt.
Was finden Sie denn daran verniedlichend?
("Sonnenallee" habe ich nicht gesehen, da kann ich nix zu sagen)
In den Berichten steht immer nur "Das Dokument ordnete an,...", oder so ähnlich. Bisher ist es mir nicht gelungen, einmal das gesamte Schriftstück zu Gesicht zu bekommen.
Handelte es sich dabei wirklich um eine Anordnung "von höchster Ebene", oder doch nur um eine Stasi-interne Dienstanweisung. Und falls letzteres zutrifft: Wer außerhalb des MfS hatte tatsächlich Kenntnis davon, wo sich der Befehl ja offenbar nur an die Stasi-Angehörigen richtete?
(Übrigens möchte ich gerne einmal wissen, was so alles in den internen Dienstanweisungen von BND, "Kommando Spezialkräfte", GSG9 etc. steht...)
"Haben Sie 'Good Bye, Lenin' denn wirklich gesehen?"
ja. schon dreimal.
Die Handlung von "Goodbye Lenin" kurz zusammengefasst (ich denke, daß ich jetzt niemandem mehr die Spannung nehme):
DDR-Familie wird durch die dortigen Verhältnisse schwer traumatisiert und fast völlig zerstört: Mann flieht aufgrund von Repressionen und Beeinträchtigung seiner wissenschaftlichen Arbeit aus der DDR, Mutter kommt zeitweilig in die Psychiatrie, sie berichtet später von der Bedrohung, daß ihr die Kinder weggenommen werden; später werden ihr als Lehrerin wg. allgem. Mißtrauen aufgrund Vergangenheit und unkonventionellen Charakters die Karrierechancen verbaut. Sie erleidet einen Herzinfarkt, als sie mitansehen muß, wie ihr Sohn bei einer friedlichen Demonstranten von Stasi und Volkspolizei brutal zusammenschlagen und verhaftet wird. Am Schluß zeigt sich, daß sie die ganze Zeit mit einer Lebenslüge verbracht hat.
Weiterhin sieht man die aus alldem resultierende Angepasstheit und das Duckmäusertum der DDR-Bevölkerung, insbes. auch die üble Rolle von Lehrern und anderen Amtsträgern, die schlechte Versorgungslage etc..
Wo bitte ist denn da die Verniedlichung?
Die Handlung von "Goodbye Lenin" kurz zusammengefasst (ich denke, daß ich jetzt niemandem mehr die Spannung nehme):
DDR-Familie wird durch die dortigen Verhältnisse schwer traumatisiert und fast völlig zerstört: Mann flieht aufgrund von Repressionen und Beeinträchtigung seiner wissenschaftlichen Arbeit aus der DDR, Mutter kommt zeitweilig in die Psychiatrie, sie berichtet später von der Bedrohung, daß ihr die Kinder weggenommen werden; später werden ihr als Lehrerin wg. allgem. Mißtrauen aufgrund Vergangenheit und unkonventionellen Charakters die Karrierechancen verbaut. Sie erleidet einen Herzinfarkt, als sie mitansehen muß, wie ihr Sohn bei einer friedlichen Demonstranten von Stasi und Volkspolizei brutal zusammenschlagen und verhaftet wird. Am Schluß zeigt sich, daß sie die ganze Zeit mit einer Lebenslüge verbracht hat.
Weiterhin sieht man die aus alldem resultierende Angepasstheit und das Duckmäusertum der DDR-Bevölkerung, insbes. auch die üble Rolle von Lehrern und anderen Amtsträgern, die schlechte Versorgungslage etc..
Wo bitte ist denn da die Verniedlichung?
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