Musikbranche Zwischen Terz und Versand
Die spannende Musik entsteht abseits der Medienkonzerne. Vier kleine Firmen feiern zehnjähriges Jubiläum: Sonig, Karaoke Kalk, Autopilot und De:Bug. Gratulation!
Es ist doch vertrackt mit der Musik: Wer Platten verkaufen will, ist hin- und hergerissen zwischen Herz und Verstand, zwischen Idealismus und Geschäftssinn. Oben herrscht das Geld, unten lodert die Liebe zur Musik. Oben sitzen Konzerne wie Universal Music und Sony BMG. Eine Etage darunter gibt es eine ganze Reihe mittelgroßer Firmen – wie Rough Trade, Mute, V2. Sie arbeiten in einer gewissen Balance zwischen Geschäft und Idealismus. Und ganz unten werkeln die Betreiber der kleinen Labels. Sie fördern Musik, die sie selbst gern hören oder spielen würden. Sie stehen für Glaubwürdigkeit, künstlerische Freiheit und Innovation. So einfach ist das. Tatsächlich?
Wie viel Idealismus kann sich eine Plattenfirma überhaupt leisten? Desinteresse am Erfolg hat wohl niemand. Selbst das kleinste Label ist zufrieden, wenn sich die Auflage verkauft und wieder fair gehandelter Kaffee durch die Maschine tropft. Mal gehen nur 200 Exemplare weg, oft 500 bis 2000, selten mehr. Eine durchschnittliche CD-Produktion lohnt sich ab 300 verkauften Exemplaren. Werbe-, Tour- und Personalkosten sind damit aber nicht abgedeckt. Vinylpressungen sind noch teurer.
Seit Jahren lässt sich eine Entwicklung in der Musikbranche beobachten: Die Großen werden größer – sie fusionieren, investieren, konzentrieren –, die Kleinen immer zahlreicher. Derzeit teilen sich vier sogenannte Major Labels vier Fünftel des Musikmarktes. Am fünften Fünftel knabbern tausende Mini-Firmen. Doch die Bedeutung der Kleinen ist größer als ihre Auflagen. Sie prägen Hörgewohnheiten aus der Nische heraus und düngen damit den Boden, den andere bestellen. Die kleinen Labels sorgen für den Nachwuchs, in den die großen längst nicht mehr investieren. Und die Konzerne fahren am Ende die Ernte ein.
Vier kleine Firmen aus der deutschen Musikbranche feiern jetzt gemeinsam ihren zehnten Geburtstag. Die beiden Labels Sonig und Karaoke Kalk , der Musikverlag Autopilot und die Zeitschrift De:Bug wurden alle im Jahr 1997 gegründet. Die einen entdecken und veröffentlichen neue Musik, die anderen kümmern sich um Öffentlichkeitsarbeit und Rechte und wieder andere schreiben drüber. Das klingt, als sei es abgesprochen gewesen. War es aber nicht.
Viele Labels gründen sich, um winzige Nischen auszuleuchten. Akribisch erforschen sie ein Genre und entwickeln sich langsam mit ihm weiter. Thorsten Lütz (Karaoke Kalk) und Frank Dommert (Sonig) machten von Anfang an größere Schritte. Ihre Kataloge sind heterogen, ihr roter Faden ist die musikalische Radikalität, die Suche nach neuen Klängen.
Karaoke Kalk wurde in Köln gegründet und ist vor ein paar Jahren nach Berlin umgezogen. Das Label bringt es bislang auf 50 Veröffentlichungen. Da ist der sanfte Elektropop von Donna Regina, das klassische Klavierspiel von Hauschka , der dilettantische Jazz von Bill Wells , der pathetische Funk von Roman und das detailverliebte Elektronikgefrickel von Jörg Follert alias Wechsel Garland. Jörg Follert bescherte dem Label 1998 den ersten Erfolg mit einer Platte unter dem Pseudonym Wunder. Die verkaufte sich außerordentlich gut, auch heute noch wird sie regelmäßig bestellt. Gewiss, Erfolg ist relativ. Wer kennt schon Wunder? Wichtiger als der Erfolg sei aber ein gutes Verhältnis zu den Musikern, das Verhältnis zur Musik überhaupt, sagt Thorsten Lütz.
- Datum 15.08.2007 - 13:32 Uhr
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