Es ist doch vertrackt mit der Musik: Wer Platten verkaufen will, ist hin- und hergerissen zwischen Herz und Verstand, zwischen Idealismus und Geschäftssinn. Oben herrscht das Geld, unten lodert die Liebe zur Musik. Oben sitzen Konzerne wie Universal Music und Sony BMG. Eine Etage darunter gibt es eine ganze Reihe mittelgroßer Firmen – wie Rough Trade, Mute, V2. Sie arbeiten in einer gewissen Balance zwischen Geschäft und Idealismus. Und ganz unten werkeln die Betreiber der kleinen Labels. Sie fördern Musik, die sie selbst gern hören oder spielen würden. Sie stehen für Glaubwürdigkeit, künstlerische Freiheit und Innovation. So einfach ist das. Tatsächlich?

Wie viel Idealismus kann sich eine Plattenfirma überhaupt leisten? Desinteresse am Erfolg hat wohl niemand. Selbst das kleinste Label ist zufrieden, wenn sich die Auflage verkauft und wieder fair gehandelter Kaffee durch die Maschine tropft. Mal gehen nur 200 Exemplare weg, oft 500 bis 2000, selten mehr. Eine durchschnittliche CD-Produktion lohnt sich ab 300 verkauften Exemplaren. Werbe-, Tour- und Personalkosten sind damit aber nicht abgedeckt. Vinylpressungen sind noch teurer.

Seit Jahren lässt sich eine Entwicklung in der Musikbranche beobachten: Die Großen werden größer – sie fusionieren, investieren, konzentrieren –, die Kleinen immer zahlreicher. Derzeit teilen sich vier sogenannte Major Labels vier Fünftel des Musikmarktes. Am fünften Fünftel knabbern tausende Mini-Firmen. Doch die Bedeutung der Kleinen ist größer als ihre Auflagen. Sie prägen Hörgewohnheiten aus der Nische heraus und düngen damit den Boden, den andere bestellen. Die kleinen Labels sorgen für den Nachwuchs, in den die großen längst nicht mehr investieren. Und die Konzerne fahren am Ende die Ernte ein.

Vier kleine Firmen aus der deutschen Musikbranche feiern jetzt gemeinsam ihren zehnten Geburtstag. Die beiden Labels Sonig und Karaoke Kalk , der Musikverlag Autopilot und die Zeitschrift De:Bug wurden alle im Jahr 1997 gegründet. Die einen entdecken und veröffentlichen neue Musik, die anderen kümmern sich um Öffentlichkeitsarbeit und Rechte und wieder andere schreiben drüber. Das klingt, als sei es abgesprochen gewesen. War es aber nicht.

Viele Labels gründen sich, um winzige Nischen auszuleuchten. Akribisch erforschen sie ein Genre und entwickeln sich langsam mit ihm weiter. Thorsten Lütz (Karaoke Kalk) und Frank Dommert (Sonig) machten von Anfang an größere Schritte. Ihre Kataloge sind heterogen, ihr roter Faden ist die musikalische Radikalität, die Suche nach neuen Klängen.

Karaoke Kalk wurde in Köln gegründet und ist vor ein paar Jahren nach Berlin umgezogen. Das Label bringt es bislang auf 50 Veröffentlichungen. Da ist der sanfte Elektropop von Donna Regina, das klassische Klavierspiel von Hauschka , der dilettantische Jazz von Bill Wells , der pathetische Funk von Roman und das detailverliebte Elektronikgefrickel von Jörg Follert alias Wechsel Garland. Jörg Follert bescherte dem Label 1998 den ersten Erfolg mit einer Platte unter dem Pseudonym Wunder. Die verkaufte sich außerordentlich gut, auch heute noch wird sie regelmäßig bestellt. Gewiss, Erfolg ist relativ. Wer kennt schon Wunder? Wichtiger als der Erfolg sei aber ein gutes Verhältnis zu den Musikern, das Verhältnis zur Musik überhaupt, sagt Thorsten Lütz.

Eine Idee, die auch Frank Dommert nicht fremd ist. Die 60 Veröffentlichungen der Kölner Plattenfirma Sonig sind meist elektronisch und experimentell. Die beiden Düsseldorfer Jan Werner und Andi Toma sind am Label beteiligt, viele ihrer eigenen Platten sind hier unter verschiedenen Namen erschienen: Lithops , Noisemashinetapes, Microstoria, Dü und Mouse On Mars , die bekannteste Band im Hause. Daneben stehen die harten Rhythmen von Jason Forrest, sperrige Klangexperimente von C-Schulz und überkandidelter Pop von Vert und Candy Hank. Als Sonig gegründet wurde, galt Musik wie die von Mouse On Mars als unhörbarer, verkopfter Elektrokram. Heute wird sie in den Feuilletons besprochen, die letzten beiden Platten erschienen bei größeren Firmen.

Musik zu machen ist oft einfacher, als über Musik zu schreiben. Der Tonkünstler spricht eine universelle Sprache. Um seine Arbeit jedoch zu reflektieren, muss man erst mal angemessene Worte finden . Das Berliner Magazin De:Bug versucht sich daran seit 115 Ausgaben und ist doch ein Fanzine geblieben. Leidenschaft und Begeisterung sind hier wichtiger als kritische Distanz. Seine Meinungen klingen im Mediengeschrei angenehm schräg, nur selten hebt es die Gleichen auf den Popthron wie die Kollegen von Spex , Musikexpress oder Rolling Stone . De:Bug besitzt Eigenständigkeit, das ist selten. Der Preis dafür ist eine gewisse Unverständlichkeit – viele Texte sind in einer Geheimsprache für Spezialisten verfasst. Das Magazin nimmt sich nicht nur der Musik an, sondern – so der Untertitel – allen elektronischen Lebensaspekten. Etwas halbgar werden politische Themen behandelt, dafür aber jede Menge Musiktechnik und Videospiele vorgestellt.

Im Jubilantenquartett feiert auch Guido Möbius' Firma Autopilot mit. Möbius verwaltet die Rechte zahlreicher Musiker von Sonig, Karaoke Kalk und anderer Firmen und macht Öffentlichkeitsarbeit für ihre Platten. Sein Katalog ist überschaubar; er nimmt nur, was ihm gefällt, zum Beispiel FS Blumm und Vert. Zum Zehnjährigen gibt es in den nächsten sechs Wochen acht Konzerte. Es spielen Künstler der beiden Labels, dazu drehen Autoren von De:Bug und Guido Möbius die Plattenteller.

Die Großen jammern, die Kleinen feiern, man muss sich also keine Sorgen machen. Während im Jahr 2004 in dubiosen Chefetagen entschieden wurde, die Firmen Sony Music Entertainment und Bertelsmann Music Group zum Mediengiganten Sony BMG zusammenzuschließen, entstanden etliche winzige Labels in WG-Küchen, Parks und Kneipen. Manche bringen nie eine Platte heraus, manche ein paar. Manche halten lange durch und bereichern den Musikmarkt mit leidenschaftlicher, radikaler Musik. Herzlichen Glückwunsch!

4 sind 10 – die Termine:

16.08. Köln: Vert, Candie Hank, Donna Regina, Leichtmetall, Le Rok, DJ Strobocop, DJ Bleed, DJ Noisemachinetapes u. a.

24.08. Wien: DJ Strobocop, DJ Bleed, Sven VT

31.08. München: Schlammpeitziger, F.S. Blumm, DJ Strobocop, DJ Bleed

08.09. Hamburg: Schlammpeitziger, F.S. Blumm, Jason Forrest, Pascal Schäfer, DJ Bleed

19.09. Jena: A.J. Holmes aka Vanishing Breed, Candie Hank, DJ Strobocop

22.09. Brüssel: Candie Hank, Jason Forrest, Senking, Guido Möbius, Roman, Sun ok Papi k.o., DJ Bleed, DJ Strobocop

29.09. Zürich: Guido Möbius, DJ Elephant Power, Candie Hank, DJ Strobocop, DJ Bleed

04.10. Berlin: Gaston, Vert, Hauschka, DJ Thaddi, Frank Dommert, Candie Hank

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