Wahrnehmung Äpfel oder Birnen?

Was wir sehen, ist Stückwerk: Der Mensch kann ein Bild nie ganz erfassen. Schuld daran ist unser Gehirn. Es nimmt Informationen über Farbe und Form nur häppchenweise auf.

Auf dem Gemälde sind Äpfel zu sehen, rote Äpfel. Und ein paar gelbe Birnen. Außerdem grüne Trauben, sowie ein Hand voll blaue Pflaumen. Als der Betrachter aber einen Schritt zurücktritt, das Bild ganz ansieht, erblickt er nicht mehr Äpfel und Birnen, sondern alles zusammen: Er sieht das Stillleben eines Obstkorbs. Zumindest glaubt er das.

Wie Psychologen von der Princeton University jetzt im Wissenschaftsmagazin Science berichten, erliegt der Museumsbesucher aber einer Illusion - er erfasst allein die räumliche Anordnung des Stillebens als Ganzes. Die einzelnen Obststücke nimmt er auch jetzt nur nacheinander wahr. Auf einen ersten, flüchtigen Blick kann er also zum Beispiel mehrere rote Äpfel erkennen und auch ihre Lage korrekt angeben. Er erfasst nach einmaligem Hinsehen aber nicht, dass gelbe, blaue und rote Früchte im Korb sind. Und ebenso wenig, dass es dort Obst verschiedener Form gibt: Trauben, Birnen, Pflaumen und Äpfel.

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Um herauszufinden, wieviel visuelle Informationen der Mensch tatsächlich auf einmal erfassen kann, zeigten die Forscher ihren Versuchspersonen für Sekundenbruchteile zwei Kreise auf einem Monitor - manchmal gleichzeitig, manchmal nacheinander. Die Kreise konnten verschiedene Farben haben und in einer der vier Ecken des Schirms auftauchen. Danach wurden die Probanden befragt, ob sie eine bestimmte Farbe gesehen hatten, oder ob an einer bestimmten Stelle ein Kreis gewesen war.

Die Frage "War ein roter Kreis dabei?" beantworteten die Probanden besonders häufig falsch, wenn sie zwei Kreise gleichzeitig gesehen hatten. Waren ihnen die Bilder aber nacheinander gezeigt worden, antworteten sie meist richtig. Bei der Frage nach der Anordnung der Farbscheiben gab es diesen Unterschied nicht: "War links unten ein Kreis?" beantworteten die Versuchspersonen fast immer richtig. Egal, ob sie die Kreise gleichzeitig oder nacheinander gesehen hatten.

Die Wissenschaftler vermuten nun, dass sich mehrere Ausprägungen ein und desselben Merkmals (z.B. Form oder Farbe) bei der Wahrnehmung gegenseitig blockieren. Sehe man rot, so könnte man demnach nicht gleichzeitig blau sehen. Dass das Merkmal Ort hier eine Ausnahme bildet, ließe sich damit erklären, dass das Gehirn die räumliche Verteilung von Gegenständen zu einem Muster zusammenfasst. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Dinge, die das Muster bilden sollen, alle gleich sind - oder wenn die Unterschiede zwischen ihnen ignoriert werden. Der Betrachter des eingangs erwähnten Stilllebens könnte sich demnach die räumliche Verteilung aller Früchte gleichzeitig merken. Dafür müsste sein Gehirn aber darauf verzichten, sie in Form und Farbe zu unterscheiden. Die visuelle Wahrnehmungsfähigkeit ist nach dieser Vorstellung also ziemlich begrenzt.

Dass die mangelnde Fähigkeit, zwei Farben gleichzeitig zu sehen, eine Art Blockade bei der Wahrnehmung ist, versuchten die Forscher noch mit einem leicht veränderten, zweiten Test zu beweisen: Diesmal bekamen die Testpersonen immer zwei verschiedenfarbige Vierecke gleichzeitig angezeigt. Wusste die Testpersonen vorher, zu welchem der Vierecke sie befragt werden würden, lieferten sie deutlich mehr richtige Antworten. Das passt zur Hypothese der Forscher: Die Probanden konnten sich auf eines der Objekte konzentrieren, mussten also nur eine Farbe erkennen und entgingen so der Blockade.

Die Sciences -Autoren glauben, dass die für Farben beobachtete Blockade auch für andere Eigenschaften gilt, wie etwa die Bewegungsrichtung oder die Ausrichtung von Gegenständen in einer Szenerie. "Es gibt einige andere Befunde, die indirekt darauf hindeuten, dass es so sein müsste", sagt der Leiter der Studie, Liqiang Huang. Entsprechende Versuchsreihen liefen aber noch. Wieso es dem Gehirn so schwer fällt, manche Eigenschaften gleichzeitig zu erfassen, während es räumliche Muster ohne große Mühe wahrnimmt, wissen die Science-Autoren nicht.

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Trotzdem präsentieren sie ihre Theorie von der Wahrnehmungsblockade selbstbewusst. Ihre Forschungsergebnisse könnten sich auf alle Arten des optischen Designs auswirken, glaubt Liqiang Huang, zum Beispiel auf die Werbung. Designer müssten berücksichtigen, dass die Wahrnehmung eben beschränkt sei. Zum Beispiel, indem sie nur wenige Farben benutzen. Zu bunte Anzeigen oder Bilder können schließlich nur in vielen Schritten, also langsam aufgenommen werden.

Anderen Forschern gehen solche Schlüsse zu weit. Karl Gegenfurtner, Experimentalpsychologe an der Universität Gießen und dort Mitglied der Forschergruppe Wahrnehmung und Handlung, findet die Science-Ergebnisse zwar "interessant und spannend", bleibt aber skeptisch. Richtig sei, dass immer mehr Kognitionsforscher die visuelle Wahrnehmung für limitierter halten, als gemeinhin gedacht. Doch die These, dass wirklich nur eine Farbe auf einmal ins Bewusstsein dringe, sei "sehr waghalsig", sagt der Psychologe. "Das führt einen deutlichen Schritt weiter und zwar in eine extreme Richtung." Dafür seien die experimentellen Befunde der Amerikaner recht knapp und hätten zu schwache Beweiskraft.

Vor allem gebe es nach derzeitigem Forschungsstand in der Struktur des Gehirns nichts, das auf die Farbthese hinweisen würde. Damit die Nervenzellen, die auf verschiedene Farben ansprechen, nur eine davon weiterleiteten, müsste es einen dahinter geschalteten, neuronalen Auswahlprozess geben. Ein solcher ist Gegenfurtner aber nicht bekannt. Die Theorie der Amerikaner, glaubt der Gießener Forscher, werde sich deshalb wohl eher nicht dauerhaft halten.

 
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