Die jüngste Erregung über die vermeintlichen Zaubermittel Einheitsschulbücher und Zentralabitur hätte sich gleich wieder gelegt, wenn man nicht nur den Worten des Herrn Oettinger und anderen, die ihren Senf dazugeben müssen, gelauscht hätte, sondern ein paar Stunden auf dem Europäischen Lesekongresses in der Berliner Humboldt Universität verbracht hätte. Allein die beiden Hauptreferate warfen mehr Licht auf das Problem als diese neueste, deutsche Geisterdebatte. Aber was ist eigentlich das Problem?

Wie Kinder und Jugendliche ihre Fähigkeiten entfalten! Werden sie aus der Schule mit Lust auf die Welt und weiter zu lernen entlassen? Oder stößt ihnen die schulische Bittermedizin sauer auf? Buchstabiert man Prüfung ein bisschen wie Knüppel aus dem Sack, oder eher wie die Diagnose eines Arztes, der helfen will? Auch so etwas misst Pisa, wenn auch indirekt. Andreas Schleicher , der internationale Pisa Koordinator bei der OECD hatte seine Daten unter dem Aspekt Lesekompetenz noch mal durchgesehen und vorgestellt.

Aber beginnen wir mit der zweiten Hauptreferentin, der finnischen Erziehungswissenschaftlerin Pirjo Linnakylä von der Universität Jyväskylä. Die Finnen, die ja immer noch nicht so recht glauben können, wie gut sie abschneiden, interessieren sich vor allem dafür, wie sich ihre Schulen verbessern lassen. So sagten sie sich, sehen wir uns doch die zehn Schulen mit den besten Pisa-Ergebnissen an, dann sollten wir doch wissen, was eine gute und erfolgreiche Schule ausmacht. Aber es kam anders als erwartet. Jede der zehn sehr guten Schulen war anders. Bei genauer Betrachtung zeigte sich auch warum. Die erfolgreiche Schule in Lappland gibt die richtige Antwort auf die Schüler dieser Region. Die gute Schule in Linnakyläs Universitätsstadt Jyväskylä ist anders als die erfolgreiche in einem Stadtteil von Helsinki mit vielen Migrantenkinder. Kurzum, die eine gute Schule, die gibt es nicht. Gut ist nicht diejenige, die den Schülern genormten Fragen stellt, sondern diejenige, die selbst die passende Antwort ist. Früher, so sagt man in Finnland, mussten die Schüler auf die Lehrer hören. Heute müssten die Lehrer auf die Schüler hören, um sie kennen zu lernen.

Wenn Schulen diese Freiheit haben, wäre das nicht wahrer Föderalismus? Die skandinavischen Länder haben ihn sich in den vergangenen Jahrzehnten erarbeitet. In Finnland wurde schon vor Jahren die Schulaufsicht abgeschafft. Ersatzlos. Die Schulen werden seitdem in ihrer Selbständigkeit gestärkt. Sie wählen ihre Lehrer aus und stellen sie in Absprache mit der Gemeinde ein. Andererseits wurde das Zentralamt für das Unterrichtswesen in Helsinki ausgebaut, um die Schulen zu evaluieren und zu beraten. Die Zentrale und die Basis wurden also gleichermaßen gestärkt. Beide Pole steigern sich gegenseitig, anders als im Entweder-oder des deutschen Föderalismusstreits, in dem sich die Akteure gegenseitig schwächen, wie häufig im Kampf der Länder gegen den Bund und umgekehrt. Kultusminister versuchen sich zu profilieren. 16 Bundesländer verteidigen eifersüchtig ihre Claims und praktizieren 16 Mal Zentralismus. Ist das der Sinn von Föderalismus? Vielfalt gedeiht, wie diese finnische Studie über die besten Schulen zeigt, vor Ort, in den Schulen, in den Klassen, auch im Austausch der Lehrer.

Ganz ähnlich sind auch die Schweden verfahren. Die zentrale Schulbehörde haben sie Anfang der 90er Jahre, wie sie sagen, "geschlachtet". Dennoch werden nationale Debatten über die Ziele der Bildung von der Politik und in den Medien geführt. Zentral werden auch die Standards, also Ziele und Maßstäbe formuliert. Aber die Parole der Bildungspolitik heißt seit Jahren, alle Macht an die Basis, an die Schulen und in die Kommunen.

So hat sich in Schweden und in vielen anderen Ländern ein ausbalanciertes Dreieck der Kräfte gebildet. Oben die abgespeckte staatliche Zentrale. Sie hat die meisten Entscheidungsbefugnisse nach unten abgegeben. Die Zentrale sorgt für die finanziellen Ressourcen und, wie gesagt, für Standards. Das Dritte Element ist die Evaluation, die jetzt nicht mehr von oben als Schulaufsicht kommt, sondern mit einem freundlichen und kritischen Blick gewissermaßen von der Seite. Wäre das nicht ein Vorbild auch für unser Land?

Doch die Länder wollen das nicht, würden sie damit doch eine Bühne für die Profilierung ihrer Politiker aufgeben. Dabei wäre das gar nicht schlecht, denn auf diesen Bühnen tummeln sich diejenigen, die das Bildungsthema bedenkenlos instrumentalisieren, siehe die jüngste, hanebüchen simple Debatte über Zentralabitur und Einheitsschulbücher.

Je genauer man sich die Bildungslandschaft ansieht, desto deutlicher wird, wie wenig sie unmittelbar von den Erlassen und Lehrplänen der Kultusminister geprägt wird. Pirjo Linnakylä zeigt das am traditionell hohen Ansehen des Lesens in Finnland. Fast jede Familie liest eine Zeitung. Die Eltern von Säuglingen erhalten bereits im Krankenhaus das erste Bilderbuch für ihr Kind. Es gibt auch in kleinen Städten große Bibliotheken und auf dem Land kommt der Lesebus vorbei. In Schulen wird nicht zwischen Texten der Hochkultur und solchen aus bunten Magazinen oder Comics unterschieden. Was gelesen wird, wird viel weniger bewertet, kritisiert oder idealisiert als in Deutschland. Alle Versuche, zum Beispiel über die Schulbuchzulassung oder Prüfungsformen ein System nachhaltig zu verändern sind wenig wirksam. Neurotisieren kann man es allerdings mit solchen Mätzchen allemal.

Pisa-Koordinator Andreas Schleicher sieht im Lesen, neben der "Kompetenz", die es natürlich ist, auch eine Art Barometer, auf dem sich die Bildungsstimmung ablesen lässt. Dem Europäischen Lesekongress rechnete er vor, dass die Fünfzehnjährigen in Deutschland täglich weniger als eine halbe Stunde mit einem Buch verbringen, und das weniger aus Freude, sondern weil sie müssen. In Finnland lesen die Schüler doppelt so lange und sie tun es meist zum Vergnügen.

Wie steigert man die Lesefreude? Wäre das nicht die Frage, die zu debattieren sich lohnt? Man würde dabei sehen, was alles zusammenspielt. So rangiert Deutschland in der Statistik über die Menge von Büchern in einem Haushalt im internationalen Mittelfeld: zwischen 50 und 100 Bücher stehen dort. In der gleichen Gruppe finden sich auch die USA. Zur Spitzengruppe mit mehr als 200 Büchern pro Haushalt gehören, wen wundert's, die famosen Finnen, aber auch die bei Pisa ebenfalls erfolgeichen Südkoreaner. Das Vorurteil, die guten Testergebnisse dort verdanken sich allein konfuzianischem Pauken, erfasst offenbar nicht alles. Jedenfalls korreliert nichts so eng mit guten Pisa-Werten wie die Lesefreude und die Menge von Lesestoff im Haushalt. Darauf, mit Verlaub, hätte man fast auch ohne Wissenschaft kommen können. Nun wissen wir es exakt und das ist gut so. Aber alle Erkenntnisse nützen bekanntlich nichts, wenn man sie nicht versteht oder nicht verstehen will.

Nun sind es nur noch ein paar Monate bis am 4. Dezember zum dritten Mal die Ergebnisse der internationalen Pisa-Studie veröffentlicht werden. Die Bildungsaufregung in diesem Sommer ist ein Vorspiel für die Kunst aus unterkomplexen Debatten größtmöglichste Aufmerksamkeitsgewinne für Politiker und andere notorische "Experten" zu schlagen und dabei das Wichtigste einfach weg zu lassen.