Alljährlich werden wir im deutschen Fernsehen und anschließend auf dem Büchermarkt mit neuen Erkenntnissen über Hitlers Frauen, Hunde und irgendwann wohl auch seine Topfpflanzen beehrt. Offenbar beflügelt durch die Erfolge Guido Knopps beglückt auch der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR) seine - vorwiegend ostdeutschen - Zuschauer mit ähnlich stilsicheren Dokumentationen über die DDR: "Wo der Osten Urlaub machte", "Lotte Ulbricht privat" oder "Sex im Sozialismus. Pornografie made in GDR"?.

Im Windschatten dieser MDR-Trivialhistory segelt ein ostdeutscher Verlag auf der Ostalgiewelle und produziert dabei ziemlich trübes Wasser. Das Zentrum dieser Geschichtswerkstatt der anderen Art ist Berlin, der Haus- und Hofverlag die in der Eulenspiegel-Verlagsgruppe erscheinende edition ost. Das Verlagsprogramm steht für sich selbst: Lob- und Jubelschriften für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und Nationale Volksarmee der DDR (NVA), gepaart mit Streitschriften gegen die bundesdeutsche Siegerjustiz wechseln sich mit Schmähschriften gegen westliche Geheimdienste ab. Besondere Würze versprechen Zeitzeugenschilderungen, wie die Vasil Bilaks, der "als zweiter Mann hinter Dubcek" die Sowjetunion um Hilfe rief, die dann den Prager Frühling mit Panzern überrollte.

Das offensive Reinwaschen der SED-Diktatur ist schließlich Programm der edition ost, die mit ihren Veröffentlichungen die DDR vom Schrecken des sozialistischen Regimes zu entkleiden versucht. Für das bunte Themenpotpourri der Geschichtsverfälschung zeichnet sich ein Autorenkollektiv verantwortlich, das einem who is who des DDR- Unterdrückungsapparates gleicht: Hauptabteilungsleiter und Offiziere der DDR-Staatssicherheit, Ex-NVA-Generäle, Agenten und einfache Stasi-Spitzel. Intellektuell garniert wird das Kollektiv der Aufklärer durch Marxismus-Leninismus-Professoren, ehemals Staatstragende wie Egon Krenz oder zu spät gekommenen Möchtegern-Staatstragenden wie linke PDS-Ikone Sarah Wagenknecht.

Nun ist die Verklärung der zweiten deutschen Diktatur nicht nur ein Werk verbrämter Pseudohistoriker mit Stasi-Vergangenheit. Der Zeitgeist produziert - jenseits aller Debatten über Schießbefehl und die Stasi-Unterlagenbehörde - eine halbe Generation nach dem Untergang der DDR auch aus biografischem Reflex eine schöne Scheinwelt, in die das eigene Handeln besser passt als in den tristen Herrschafts- und Unterdrückungsalltag. Filme wie Sonnenallee reproduzieren dieses niedliche Bild der DDR, ebenso wie das Stasi-Märchen Das Leben der Anderen vom guten Mfs-Onkel, eine Geschichte ohne Realitätsbezug, wie der Bürgerrechtler Werner Schulz konstatiert.

Analog dazu vermitteln ostdeutsche Zeitungen zwischen den Zeilen gern das dazugehörige Bild, es wäre alles nicht so schlimm gewesen in der DDR. Für Klaus Schröder, Chef des Forschungsverbund SED-Staat, sind es neben der mangelnden Vermittlung der DDR im Schulunterricht auch die Massenmedien, die ein verharmlosendes Bild der SED-Diktatur in der ostdeutschen Bevölkerung verbreiten helfen. Sinnfälligster Ausdruck dieser Entwicklung sind die seit Jahren im Sturzflug befindlichen Zustimmungsraten zur Demokratie im Osten Deutschlands. Kritische, den Herrschafts- und Unterdrückungsapparat in der DDR behandelnde Formate versteckt man deshalb lieber auf Phoenix und selbst die Geschichtswissenschaft dient sich an, will weg von der Herrschafts-, hin zur Alltagsgeschichte.

Vor diesem Hintergrund ist der Erfolg der Fernsehformate des MDR verständlich, produziert der Sender doch gern und viel überbordend Plüschiges: rosarote Trabis, die an die noch rosarotere Ostsee fahren, die Spreewaldgurken im Gepäck und die Sicherheit, dass Arbeits-, Kindergarten- und Urlaubsplatz auch nächstes Jahr noch Bestand haben werden. Diese Woche startet mal wieder eine dieser Reihen: Wo der Osten Urlaub machte . Den Auftakt bildet die Müritz, wo Mutti erzählen darf, wie sie alles im Wartburg dabei hatten, Schlauchboot, Verpflegung für den ganzen Urlaub, einen ausgearbeiteten Speiseplan. Zwei Wochen vorher schickte der MDR drei Familien mit dem Trabi los, Urlaub wie früher hieß das Motto und lässt Familie D. entdecken, "die gute alte Zeit hatte auch ihre schönen Seiten".