Erstmals soll es jetzt ein hohes Tier erwischen. Nicht den ehemaligen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, den viele für den Hauptverantwortlichen für die brutalen Misshandlungen und Demütigungen irakischer Gefangener in den Verließen von Abu Ghraib halten; auch nicht Vizepräsident Dick Cheney und schon gar nicht Präsident Bush. Aber immerhin einen Offizier: Seit Montag muss sich Oberstleutnant Steven Jordan vor einem Militärgericht für den Folterskandal in dem ehemaligen US-Militärgefängnis verantworten.

Bislang hatten sich elf Soldaten niedrigerer Dienstränge in diesem Zusammenhang einem Militärverfahren stellen müssen - mit eher geringen Strafen: Charles Graner, der als Rädelsführer der Misshandlungen gilt, erhielt mit zehn Jahren Haft die höchste Strafe; die anderen Soldaten erhielten lediglich Disziplinarmaßnahmen wie Herabstufung ihrer Dienstgrade oder Rügen.

Für die Staatsanwaltschaft begann das Verfahren gegen Jordan, der von September bis Dezember 2003 Leiter des Verhörzentrums in dem Gefängnis war, allerdings mit einer peinlichen Panne. Zwei der schwersten Anklagepunkte wurden zurückgewiesen, da Jordan bei seiner Vernehmung nicht über seine Rechte informiert worden war. Deshalb kann der 51-jährige Reserveoffizier nicht wegen Falschaussagen und Behinderung der Justiz verurteilt werden. Dementsprechend drohen ihm nur noch 8 statt 22 Jahre im Falle eines Schuldspruchs. Als früherer Leiter des Verhörzentrums wird Jordan weiterhin Quälerei und Misshandlung von Gefangenen sowie Ungehorsam gegenüber einem Vorgesetzten zur Last gelegt.

Jordan ist jedoch nicht wegen der Vorfälle angeklagt, die 2004 weltweit für Schlagzeilen und Entsetzen sorgten. Fotos zeigten Häftlinge, die unter anderem nackt mit einer Hundeleine um den Hals und in anderen erniedrigenden Posen aufgenommen wurden. Jordan wird vielmehr vorgeworfen, vorausgegangene Gewaltanwendungen in Abu Ghraib gefördert oder zumindest geduldet und damit den späteren Übergriffen Vorschub geleistet zu haben.

Der Offizier plädierte zum Prozessbeginn in Fort Meade (US-Bundesstaat Maryland) am Montag auch in diesen Anklagepunkten auf nicht schuldig. Er wies alle Vorwürfe zurück und bezeichnete sich als "Prügelknabe" der Armeeführung. Seine Verteidigung argumentiert, dass Jordan zwar Leiter des Verhörzentrums gewesen sei, jedoch keine „operationelle Kontrolle“ über die Vernehmungen gehabt habe. Er habe weder zur Kommandokette bei der Genehmigung umstrittener Vernehmungsmethoden gehört noch sei er an Verhören beteiligt gewesen - anders als die bisher verurteilten Soldaten.

Die Hoffnung, wirklich Verantwortliche für den Folterskandal von Abu Ghraib zu belangen, wird wohl selbst dann enttäuscht werden, wenn Jordan verurteilt wird. Experten und Insider sehen die Verantwortung im Verdeidigungsministerium beziehungsweise im Weißen Haus. Dort seien die Verhörrichtlinien herausgegeben worden, die einer derartigen Behandlung überhaupt erst den Raum gegeben hätten.

Doch selbst in Zeiten der nahenden Bush’schen Götterdämmerung, in der viele US-Medien so bereitwillig von all dem abrücken, was sie einst gemäß der Regierungslinie unterstützten, gibt dieser Fall keinen großen Rummel her. Die meisten amerikanischen Nachrichten-Websites berichten nüchtern über den Prozess. Ein anderer Prozess bekommt deutlich mehr Aufmerksamkeit: Der Quarterback der Atlanta Falcons, Michael Vick, hat sich schuldig bekannt - er war Mitglied eines Hundekampf-Ringes.