Kolumne Wir deutschen Weinliebhaber

Wein muss TÜV-geprüft sein und schmeckt uns erst, wenn der Säurewert angegeben ist. Wieso ist der Umgang der Deutschen mit Wein so schwer und ernsthaft? Und was hat es mit Billigweinreisen auf sich? Der dritte Teil unserer Weinkolumne "Eingeschenkt"

Achtung, jetzt kippt gleich jemand aus der Pferdekutsche, die gerade durch eines der kleinen Moseldörfchen rumpelt. Auf Bänken wackeln trunkene Billigtouristen, Marke Pepitahütchen, die keine Gläser brauchen, um den Moselfusel großzügig in ihre Mundöffnungen zu füllen. Zotige Witze, kehliges Lachen, dazwischen wird „Hoch auf dem gelben Wagen“ intoniert. Irgendwann drehen sich auch die beiden Pferde angewidert weg.

In keinem anderen deutschen Weinanbaugebiet treffen Gegensätze so hart und unversöhnlich aufeinander. An der Mosel buhlen Schoppenwein-Produzenten um Kunden und auch die Winzer, die in den wohl einmaligen Steillagen der Terrassenmosel den Schieferböden grandiose Weine abgewinnen. Wie ein gigantisches Amphitheater ziehen sich die Terrassen in die Höhe, Stufe für Stufe.

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Jedes Anbaugebiet und jeder Winzer hat die Trinker, die sie verdienen. Die einen praktizieren einen sanften, genussorientierten Tourismus in einer einzigartigen Kulturlandschaft ( www.kulinarische-terrassenmosel.de ). Die anderen locken mit lieblichen Mosel-Schöppchen, Pommes und Schnitzel, fett und viel, dem deutschtümelnden Vollzug des Weintourismus.

Das Bild vom Billigweinland Deutschland wird häufig entworfen, zu häufig. Wenn Meinungsmacher Bedürfnisse von Supermarkt-Trinkern in den Mittelpunkt stellen, werden Erzeuger zur möglichst günstigen Massenproduktion angehalten. Die Gesellschaft für Konsumforschung etwa hat errechnet, dass wir Deutschen nicht gewillt sind, im Durchschnitt mehr als 2,31 Euro für einen Liter Wein auszugeben. Dafür lohnt es sich für den Winzer noch nicht einmal, seinen Steilhang hochzuklettern. Tränken wir alle diesen Pseudowein, dann würden weite Teile der hiesigen Rebfläche zu Brach- und Ackerland verkommen. Dabei wollen die meisten Weintrinker zu Qualität und Genuss erzogen werden.

Was sich an der Mosel im Extremen zeigt, gilt auch für die anderen Anbaugebiete: Ein stimmiges Bild und Verständnis von deutschen Weinen existiert selbst bei Winzern und Interessensverbänden nicht. Eine Schwäche, die sich auch in der Selbstdarstellung zeigt. Was macht deutsche Weine aus? Das weiß keiner so genau. Wie deutsche Konsumenten sie wahrnehmen, hat eine Studie der Universität Köln bei gehobenen Weintrinkern untersucht: Wir Deutschen bringen unserem Wein zwar sehr viel Sympathie entgegen, der Zugang ist aber ein sehr rationaler und technokratischer. Demnach betrachten viele Deutsche Weine mit Beamtenaugen wie ihre Steuererklärung oder die technischen Daten ihres neuen Autos.

Deutscher Wein gilt als sauber, verlässlich im Auftreten und der Wirkung, als günstig und authentisch. Seine Eigenschaften müssen nachvollziehbar und messbar sein, wir sind ein Volk der Analysetrinker, das erst beruhigt ist, wenn der Winzer uns Säurewert und Zuckergehalt des Weines auf das Flaschenetikett drucken lässt. Deutscher Wein soll TÜV-geprüft sein.

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