Mügeln Ganz normale GewaltSeite 2/2

Einig sind sich alle, dass Alkohol eine erhebliche Rolle spielte. Und wohl auch, dass unter denen, die pöbelten, Rechte waren. Die Inder zumindest flohen von dem Fest, begleitet von zwei Polizisten, die versuchten, sie zu schützen. Sie rannten in den Laden von Kulvir S. Seine "Piccobello Pizzeria" war nahe, nur zwanzig Meter vom Festzelt entfernt.

Man muss an ein paar Blumenkübeln vorbei, schräg über die schmale Dr.-Friedrichs-Straße, dann steht man vor der Tür. Sie war zu. Links daneben ist ein Hauseingang, in den rannten die Inder in ihrer Todesangst, von dort durch einen Nebeneingang in die Pizzeria. Ungefähr fünfzig Leute folgten ihnen, Schaulustige, Aufgebrachte, Aggressive. Sie versuchten, die Tür einzutreten, schlugen die Glasscheibe kaputt, demolierten das Auto des Pizzeriabesitzers. Sie brüllten, einige von ihnen "Ausländer raus" und "Hier regiert der nationale Widerstand" - rechte Parolen. Die beiden Polizisten riefen Verstärkung und mussten nicht lange auf sie warten. Da in dieser Nacht in verschiedenen Orten in der Gegend gefeiert wurde, waren mehrere Einheiten unterwegs. Innerhalb von vielleicht 30 Minuten standen 70 Beamte der Bereitschaftspolizei vor dem Schaufenster der Pizzeria, mit Helmen, Handschuhen und Brustpanzern. Sie drängten die Menge weg, riegelten den Rathausplatz ab und verhinderten, dass aus der Randale am Ende womöglich ein Lynchen geworden wäre.

Am nächsten Morgen gab es die ersten Interviewanfragen. Anfangs vermutet Bürgermeister Deuse noch selbst, Fremdenhass könne die Ursache der Schlägerei gewesen sein. Doch je mehr Aufmerksamkeit sich im Laufe des Tages auf den Ort richtet, desto vorsichtiger wird er. Nach einigen Stunden zieht er sich auf eine Verteidigungslinie zurück und sagt nur noch, in Mügeln gebe es keine organisierte rechte Szene. Es ist zu spät. Am Montagnachmittag bestätigt die Polizei, dass rechte Parolen gerufen worden waren. Der Staatsschutz ermittelt, ein Verfahren wegen Volksverhetzung wird eingeleitet. Kurz darauf besuchen der sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt und der designierte Polizeipräsident Bernd Merbitz die Pizzeria am Rathausplatz. Der ist voller Kamerateams. Mügeln ist zum Symbol geworden.

Ziemlich genau 15 Jahre ist es her, dass ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen tagelang belagert wurde, dass dort Brandflaschen flogen, hunderte Anwohner grölten und den Tätern applaudierten. Wahrscheinlich war es diesmal nur eine Schlägerei auf einem Dorffest, mit ausländerfeindlichen Untertönen. Doch sie zeigt, dass Deutschland noch immer ein Land ist, in dem Alkohol und einige unbedachte Worte genügen, um aus einer feiernden Gesellschaft einen gewaltbereiten Mob zu machen, der selbst zum Töten bereit ist.

Es existiert keine organisierte Rechte in Mügeln, zumindest keine, die irgendjemandem aufgefallen wäre. Das bestätigen Verfassungsschutz, linke Opfervereine, das Netzwerk demokratische Kultur aus dem nahen Wurzen. Was aber existiert, ist auch hier - wie vielerorts besonders im Osten - eine latente Fremdenfeindlichkeit. Das gibt auch Deuse zu, selbst wenn er lieber glauben möchte, dass zumindest die Rechten unter den Schlägern aus anderen Orten kamen. Die Fremden, die hier leben, die Inder zum Beispiel oder die Vietnamesen, die am Markt einen Blumen- und Gemüseladen betreiben, sind eher geduldet als geliebt. Der eine oder andere Mügelner hat kein Problem damit, das offen zu sagen.

Und es gibt eine, sagen wir, fehlende Sensibilität für das Thema. Wie bei dem älteren Mann, der beim Bäcker neben der Pizzeria seinen Kaffee trinkt. Er trägt zur blauen Arbeitshose ein graues Thor-Steinar-Shirt, Erkennungszeichen all derer, die zur rechten Szene gehören wollen. "Was, das sind Naziklamotten"?, fragt er erstaunt. "Das wusste ich nicht. Das hat mir mein Sohn gegeben, dem war es zu klein." Man kümmert sich einfach nicht darum, was der Sohn für T-Shirts trägt, guckt weg, viele Jahre lang. So hat das Grauen Zeit zu wachsen.

 
Leser-Kommentare
  1. Gerade am Sonnabend einen türkischen Türsteher mit Thor Steinar Klamotten gesehen. Noch platter gehts wohl nicht, oder? Wahrscheinlich hatten die auch alle New-Balance-Turnschuhe und Lonsdale Sweatshirts.

  2. [Leider müssen wir uns an dieser Stelle vom Nutzer ProErwin verabschieden. An alle anderen Teilnehmer noch einmal der Hinweis: Bitte beachten Sie die Regeln - Kritik gerne, auch scharfe. Beleidigungen hingegen werden hier nicht geduldet. Die Redaktion / fl]

  3. Ein Text, der die bekannte Agenturmeldung und Eigenideologie zu einer romanhaften Beschreibung des angeblichen Geschehens verwebt.

    Liebe Zeit-Redaktion, geht es noch unseriöser? Ein ehrliche Frage: Wie wird Mann/Frau Zeit-Redakteur oder Online-Journalist? Gibt es noch Qualitätsstandards für die Online-Berichterstattung? Wenn ja, welche?

    Doch sie zeigt, dass Deutschland noch immer ein Land ist, in dem Alkohol und einige unbedachte Worte genügen, um aus einer feiernden Gesellschaft einen Mob zu machen, der selbst zum Töten bereit ist.

    Der Satz klingt so gut, er könnte aus Konrad Kujaus Hitler Tagebüchern stammen.

    Fest stehen im Augenblick nur drei Dinge:

    1. Niemand weiß Genaues
    2. Die Journaille schreibt irgendwelche Geschichten zusammen, die in das offizielle Meinungsbild passen
    3. Die Polit-Profis mit Öffentlichkeitsdefizit üben sich in der Abarbeitung von Ergebenheitsadressen zur Beseitigung des Defizits

    Ach ja, 4. fehlt noch

    4. Wenn Presse, Funk und Fernsehen das Interesse verloren haben, hat die Polizei das Geschehen aufgeklärt und wenn dann auch mit größtem Bemühen kein rassistischer Hintergrund hineininterpretiert werden kann, wird das Ermittlungsergebnis unter den Tisch gekehrt. Ruhe sanft, Wahrheit.

  4. Kai Biermann schreibt: "Doch sie zeigt, dass Deutschland noch immer ein Land ist, in dem Alkohol und einige unbedachte Worte genügen, um aus einer feiernden Gesellschaft einen gewaltbereiten Mob zu machen, der selbst zum Töten bereit ist."

    Interessant ist das Wörtchen "noch". Im Klartext: Wir Deutschen sollten uns keine Illusionen machen; wir waren schon immer ein "gewaltbereiter Mob, der selbst zum Töten bereit ist", und werden es womöglich immer bleiben.

    Schon komisch: Da passiert ein ausländerfeindlicher Überfall irgendwo in Sachsen, in einer kleinen Ortschaft dessen Namen ich noch nie zuvor gehört hatte. Und schon steht ganz Deutschland am Pranger! (Getötet wurde in Mügeln übrigens niemand, was angesichts des gewaltbereiten, mordsüchtigen deutschen Mobs einem Wunder gleichkommen dürfte.)

    Merkwürdig auch: Nach langen Jahren im Ausland lebe ich inzwischen seit gut zehn Jahren wieder in Deutschland, und obwohl hier in meiner Gegend sehr viele Ausländer leben, bin ich noch nie Zeuge eines fremdenfeindlichen Überfalls geworden.

    Sind Sie schon einmal in England gewesen, Herr Biermann? Oder in Frankreich? Oder in Italien? Ich kann Ihnen versichern, dass Ausländerfeindlichkeit dort mindestens genauso zum Alltag gehört wie in Deutschland.

    • Akakor
    • 21.08.2007 um 17:20 Uhr

    "Doch sie zeigt, dass Deutschland noch immer ein Land ist, in dem Alkohol und einige unbedachte Worte genügen, um aus einer feiernden Gesellschaft einen gewaltbereiten Mob zu machen, der selbst zum Töten bereit ist."

    Exakt, wir Deutschen, die nach Goldhagen genetisch veranlagten Mörder! NOCH immer ist in jedem von uns der gewaltbereite, allesvertilgende, bitterböse Nazi. NOCH immer...

    Was soll einem so etwas sagen, außer den latenten Rassismus des Autors ggü. Deutschen aufzuzeigen? Vom Geisteszustand möchte man nicht reden...

    Aber es zeigt eines ganz deutlich: Wie tief die Umerziehung gegriffen hat, dass man als Journalist mit Szenenapplaus rechnen darf, so etwas zu schreiben, völlig unabhängig von angeblich zugrundeliegenden Tatbestand. Dass weiterhin mit NOCH argumentiert wird, zeigt, dass wohl noch einiges zu erwarten ist, dass man aus uns endlich anständige Deutsche macht. Tägliche Prügelstrafe in den Schulen für alle Deutsche? Wallfahrten in Gedenkstätten verdoppeln?

    Oder sollen wir, frei nach Kaufman und Morgenthau, als Volk insgesamt am besten das Zeitliche segnen?

    Die Lösung liegt auf der Hand: Am besten schleichender Genozid durch Geburtenrückgang an den Deutschen, bis keiner mehr da ist. Wo nur noch Ausländer, da schließlich keine Ausländerfeindlichkeit durch Deutsche mehr möglich. Wenn man sich selbst die offiziellen Statistiken zur Bevölkerungszusammensetzung und Geburtenquoten ansieht, habt noch etwas Geduld liebe Deutschlandhasser: Euer Problem, euer Objekt des Hasses, Deutschland mit seinen Detuschen, wird sich von selbst erledigen. Im anerzogenen Selbsthass und permanenter Hoffnungslosigkeit das vollenden, was selbst 2 Kriege nicht geschafft haben. Meine Gratulation an die Umerziehungspropaganda der Allierten! Nie hat ein Volk sich so selbst gehasst, wie dieses!

  5. Es verwundert nicht, wenn Menschen durch ihre Minderwertigkeitsgefühle geplagt den Sinn für Fakten verlieren, oder sich niemals aneignen.
    Wenn von Mordwilligem Mob die Rede ist, sind die Vorfälle in Rostock Lichtenhagen und Hoyerverda angesprochen. Nach diesem Vorfall ist die Feststellung, dass ein Mob immer noch Mordlustig sein kann, schlicht eine Bestandsaufnahme. Selbst, wenn diesmal keine Brandsätze geflogen sind, sodass offensichtliche Mordgelüste diesmal bezweifelt werden können, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass der Tod durch unkontrollierte Gewalt billigend in Kauf genommen wurde (Wer Besoffenen unterstellt, Sie wären Herr über die von ihnen ausgeübte Gewalt, sollte sein Alkoholproblem überprüfen) . Wie man sieht, sind selbst mit diesen einfachsten Zusammenhängen einige der Kommentatoren überfordert. Aber es steht jedem frei, hier ein Zeugnis über sich abzugeben.

  6. 7. Presse

    In Sebnitz waren sich Politik und Presse ja auch ganz sicher. Und die ganze Welt schaut jetzt entsetzt auf Mügeln, was war sonst noch, irgend jemand hat in Rußland einen Zug gesprengt und im Irak werden auf einen Schlag 170 Leute zerfetzt, aber wenn die Medien nicht aufpassen wird der Anschlag von Mügeln von den Behörden unter den Teppich gekehrt.

  7. die sich an einem Absatz des Autors aufhängen. Kein Wort darüber, dass 8 Inder durchs Dorf getrieben worden sind, oder man wüsste gar nichts was passiert sei und es auch mit Sicherheit nicht rassistisch gewesen wäre. Im europäischen Ausland sind ja sowieso auch alle fremdenfeindliche Rassisten, also wäre doch alles im Lot.

    Hat denn keiner die Courage von euch 5 Kommentatoren das zu schreiben, was er/sie wirklich denkt!?

    Die Dorfjugend hat es richtig gemacht, die 8 Hindus durchs Dorf zu treiben um ihnen klar zu machen, dass sie nicht willkommen sind.
    Ausserdem sollen die Deutschen mehr Kinder kriegen, um nicht unterzugehen und die Presse sollte sich den "Stürmer" oder den "Völkischen Beobachter" als Vorbild nehmen. [Vorsicht bitte mit solch sarkastischen Aussagen die leicht missverstanden werden können/ Redaktion]

    Mensch, Deutschnationale sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wie könnt ihr dann von den Restdeutschen eine stramme Haltung erwarten!?

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    • FGAlte
    • 22.08.2007 um 17:23 Uhr

    Zu "5 Kommentare" von @Resistance
    Sie können andere Menschen auch nur nach deren Meinungen in Schubladen werfen. Wahrscheinlich haben Sie nur zwei: 1) "so wie ich" 2) "Nazi". Dass eine ganze Reihe von an sich vernünftigen Leuten zu ein und demselben Sachverhalt mehr als eine Meinung haben können, die sich sehr weitgehend unterscheiden, ist Ihnen offenbar unklar. Damit stellen Sie sich genau in die Reihe derjenigen, die Sie eigentlich kritisieren wollen.

    • FGAlte
    • 22.08.2007 um 17:23 Uhr

    Zu "5 Kommentare" von @Resistance
    Sie können andere Menschen auch nur nach deren Meinungen in Schubladen werfen. Wahrscheinlich haben Sie nur zwei: 1) "so wie ich" 2) "Nazi". Dass eine ganze Reihe von an sich vernünftigen Leuten zu ein und demselben Sachverhalt mehr als eine Meinung haben können, die sich sehr weitgehend unterscheiden, ist Ihnen offenbar unklar. Damit stellen Sie sich genau in die Reihe derjenigen, die Sie eigentlich kritisieren wollen.

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