Seltsames Geld geht manchmal im Bio-Ringmarkt in Raubling über die Theke. Die bunten Scheine zieren Vogelarten der Region, von heimischen Malern in Szene gesetzt. Es handelt sich um den Chiemgauer, der seit vier Jahren am Chiemsee zirkuliert, als Zweitwährung neben dem Euro.

Biomarkt-Inhaber Helmut Schmidt hatte keine großen Erwartungen, als er sich vor knapp zwei Jahren dem neuen Bezahlsystem anschloss. Mittlerweile aber klettern seine Umsätze in der Zweitwährung an manchen Tagen auf umgerechnet 700 Euro. Neben Schmidt akzeptieren fast 600 Unternehmen der Region den Chiemgauer. Rund 2.000 Kunden tragen die bunten Scheine im Portemonnaie, Tendenz steigend.

Das Konkurrenzgeld ist keine bayrische Spezialität. Im ganzen Land sprießen die Zweitwährungen. Über 20 zählt der Dachverband der Regio-Initiativen, rund 30 weitere sind geplant, angestoßen meist von Bürgerinitiativen. Ihr Ziel: Mit einem eigenen Währungskreislauf soll die regionale Wirtschaft in Schwung gebracht werden. Der Volkswirtschaftsprofessor Ulrich Scheiper von der Fachhochschule Würzburg-Schweinfurt schätzt, dass rund 30 Prozent aller benötigten Güter und Dienstleistungen regional produziert werden könnten. Daraus ergibt sich für die Wirtschaft in vielen ländlichen und strukturschwachen Gebieten ein beachtlicher Spielraum.

Klicken Sie auf das Bild für alle Artikel zur Diskussionsreihe über Geld, Zins und Alternativen zur herrschenden WirtschaftsordnungDoch die Idee ist oft gar nicht so einfach in die Praxis umzusetzen. Schließlich müssen sich sowohl Verbraucher als auch Unternehmen auf Geld mit begrenzter Gültigkeit einlassen. "Der Chiemgauer ist durchaus komplex", gesteht Christian Gelleri, Initiator der Regionalwährung, ein. Zwar kann man seine Euros zum Kurs eins zu eins in die Regionalwährung umtauschen. Aber wer seine Euros später wieder zurück möchte, muss im Gegenzug ein paar Prozent an einen gemeinnützigen Verein seiner Wahl zahlen. Außerdem ist eine künstliche Inflation eingebaut, damit der Chiemgauer nicht in der Sparschatulle verschwindet. Wer seinen Chiemgauer am Ende eines Quartals nicht ausgegeben hat, muss eine Marke kaufen und auf den Schein kleben, damit er gültig bleibt. Kostenpunkt: zwei Prozent des Scheinwerts. So soll garantiert werden, dass die Zweitwährung dem Wirtschaftskreislauf erhalten bleibt und die lokale Ökonomie auch wirklich ankurbelt.

Meist trägt der Händler die Kosten für Rücktausch und Marke. Die Unternehmen für das Konzept zu begeistern, war daher das schwierigste Unterfangen. Am Anfang, erzählt Gelleri, habe es Händler gegeben, die kurz vor dem Verfallsdatum die Annahme der Scheine verweigerten. Inzwischen aber ist das Zahlungsmittel mitsamt seinen Kniffen akzeptiert. Viele Geschäfte sehen darin sogar ein vergleichsweise günstiges Marketinginstrument. "Der Kundenbindung hat es gut getan, dass wir den Chiemgauer akzeptieren", sagt etwa Bio-Händler Schmidt. Manche kämen sogar extra zu ihm, nur um ihr Regionalgeld auszugeben.

Am liebsten wäre es Schmidt, wenn er alle Chiemgauer in seiner Kasse an seine Lieferanten weitergeben könnte, statt sie zurückzutauschen. Das käme auch dem langfristigen Ziel der Initiative näher, denn der regionale Wirtschaftskreislauf schließt sich erst dann, wenn das Geld vom Verbraucher zum Händler, von dort zum regionalen Hersteller und schließlich als Lohn wieder zum Verbraucher fließt. "Aber man kann dem Fahrer bei einer Lieferung ja nicht immer Tausende von Chiemgauern mitgeben", schildert Einzelhändler Schmidt das Problem.

Künftig soll es leichter möglich sein, auch größere Summen durch die Region zu bewegen, denn seit kurzem bieten Volksbanken und Sparkassen ein zum Chiemgauer passendes Konto an. Für Christian Gelleri ist das der nächste große Schritt: Mit den neuen Zahlungswegen sollen die Umsätze in diesem Jahr noch einmal deutlich steigen, um eine Million auf 2,5 Million. "Konten sind bei allen Regio-Initiativen im Moment ein großes Thema", sagt Gelleri. Laut einer Studie der Bundesbank haben mindestens vier von ihnen neben dem Papiergeld bereits ein Girosystem eingeführt.