Wikipedia Jagd auf Manipulatoren
Wikiscanner ordnet anonyme Beiträge in der Wikipedia bestimmten Firmen zu. Die haben nun ein PR-Problem: Denn sie haben Kritik entfernt oder Konkurrenten verleumdet
Eigentlich wollte Virgill Griffith nur einigen Firmen auf die Füße treten, die er nicht mochte. Er ärgerte sich darüber, dass offensichtlich viele Mitarbeiter unter dem Deckmantel der Anonymität in der freien Online-Enzyklopädie Wikipedia Werbung in eigener Sache machten oder Konkurrenten verleumdeten. Mit der automatisierten Suchmaschine "Wikiscanner" wollte er solche Manipulationen offen legen.
Die technische Umsetzung war relativ simpel. Griffith kombinierte eine Kopie der englischen Wikipedia-Datenbank mit einem Verzeichnis von IP-Adressen, die bestimmten Firmen oder Institutionen zugeordnet sind. Ergebnis ist eine kombinierte Datenbank mit mehr als 30 Millionen Einzel-Beiträgen, die jeder Internet-Nutzer nach handfesten Manipulationen oder verdächtigen Beiträgen durchsuchen kann. Die Netzgemeinde sucht mit Freude. In zahllosen Blogs und Foren werden immer neue Fälle veröffentlicht.
Die Zahl der jetzt gefundenen Manipulationen ist unüberschaubar. So entfernte ein Mitarbeiter des US-Ölkonzerns Chevron kurzerhand den kompletten Artikel über Biodiesel , jemand beim Wahlmaschinen-Hersteller Diebold reinigte den eigenen Wikipedia-Artikel von jeglicher Kritik und Warnungen vor dem Medikament Quetiapine wurden von einem Rechner des Herstellers AstraZeneca aus gelöscht. Nicht nur die üblichen Verdächtigen versuchten offenbar, ihre Wikipedia-Weste rein zu waschen: Auch der Artikel von amnesty international wurde offenbar von einem Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation von jeglicher Kritik befreit .
Richtig schmutzig wird es in umstrittenen politischen Fragen wie dem Nahost-Konflikt. Der Satz "Die Juden haben dem palästinensischen Volk das angetan, was Hitler ihnen angetan hat", lässt sich auf einen Rechner des arabischen Nachrichtensenders al-Dschasira zurückverfolgen . Aus dem Netz der israelischen Regierung kommt der Hinweis, dass ein Urteil gegen die Abschottung der West Bank empörend und rassistisch sei. Ähnliche Fälle werden im Stundentakt gefunden und veröffentlicht.
Wirkliche Beweiskraft hat die Rückverfolgung der IP-Adressen nicht, doch dass sie manipuliert wäre, ist unwahrscheinlich. Deutsche Firmen sind von der Skandalwelle noch nicht erfasst worden, da die Wikiscanner-Datenbank bisher nur die Änderungen der englischen Wikipedia erfasst. Doch Wikipedia-Autoren haben auch ohne Suchmaschine einige fragwürdige Beiträge gefunden. So schrieb offenbar ein Angestellter des Stromkonzerns RWE: "Das Kraftwerk Biblis ist ein Meilenstein in puncto Sicherheit."
Mathias Schindler, Mitglied im Vorstand von Wikimedia Deutschland, warnt vor einer Skandalisierung: "Persönlich finde ich schade, dass derzeit Beiträge in der Presse unter einer Art Generalverdacht stehen, wenn sie von einer Firma kommen." Schließlich verfügten die Angestellten oft über Wissen, das der Wikipedia nütze: "Wenn der Amtsarzt der CIA in seiner Freizeit oder in einer Arbeitspause etwas über Vogelgrippe schreibt, ist das großartig - solange er sich an die Regeln hält."
Der Großteil der Änderungen in Griffiths Datenbank ist zweifellos banal. So sorgen Beiträge aus dem CIA-Netz zu der Teenager-Vampir-Serie "Buffy" für Amüsement in der Netzgemeinde. Wirklich problematisch ist das aber nicht. Viele Wikipedia-Autoren nutzen auch ihre Firmen-Computer, um konstruktive Arbeit zu leisten und Sachartikel zu verbessern.
"Generell raten wir Angehörigen von Unternehmen, sich beim Ändern von Artikeln über ihre Firma und deren Produkte zurückzuhalten", sagt Schindler. Gleiches gelte auch für Artikel über Konkurrenten. "Ein Angestellter eines Kameraherstellers könnte sich beispielsweise allgemeiner Artikel zur Optik annehmen, wenn er Lust dazu hat und etwas dazu sagen kann."
Der Wikiscanner sei eine Bereicherung, sagt Schindler: " Die Daten, auf die der Scanner aufbaut, sind seit dem Beginn von Wikipedia öffentlich einsehbar und können frei heruntergeladen werden . Dass nun jemand die Inhalte nutzt und durchsuchbar macht, ist nur konsequent und hilft uns meiner Meinung nach." Datenschutzprobleme sieht Schindler in der jetzigen Praxis nicht: "Wir weisen mehrfach darauf hin, dass unangemeldete Benutzer mit ihrer IP gespeichert werden, wenn sie Artikel editieren."
Diese Speicher-Praxis ist manchen Autoren nicht geheuer. Sie können nicht immer nachvollziehen, wie das System Wikipedia funktioniert und welche Änderungen ihnen letztlich zugeordnet werden können. Die Furcht vor negativer Publicity ist zuweilen so groß, dass Betroffene es nicht wagen, eindeutig falsche Behauptungen über sich selbst richtig zu stellen. So stand im Artikel über den US-Abgeordneten Steve LaTourette vier Monate lang die Behauptung, er sei während eines Besuchs von Prince Charles ausfällig geworden. Die Mitarbeiter des Politikers wagten aber nicht, die erfundene Behauptung richtigzustellen - aus Furcht davor, dass der Manipulation des eigenen Wikipedia-Artikels beschuldigt zu werden.
Viele von LaTourettes Kollegen hatten nämlich ein PR-Desaster erleben müssen, als die Wikipedia-Community Anfang vergangenen Jahres die Beiträge aus dem US-Parlament genau untersucht hatte. Das Ergebnis: Angestellte der Politiker hatten in Hunderten Fällen die Biografien ihrer Arbeitgeber geschönt, Kritik entfernt oder den politischen Gegner verleumdet.
Selbst Wikipedia-Gründer Jimmy Wales ist in diese Zwickmühle geraten. So stand mehr als zwölf Monate lang im Artikel über Wales ein falsches Geburtsdatum. Erst als sich der US-Unternehmer in seinem eigenen Weblog beschwerte, wurde das falsche Datum entfernt.
Auch Datenschützer können mit der Speicherpolitik von Wikipedia gut leben. "Der Wikiscanner hebt die Anonymität nicht auf", sagt Johann Bizer, stellvertretender Landesbeauftragter für Datenschutz in Schleswig-Holstein. Wer seine IP-Adresse nicht veröffentlichen wolle, könne sich bei Wikipedia ohne Probleme mit einem Pseudonym registrieren. Auch ein Zurückverfolgen auf Firmenrechner ist dann für die Öffentlichkeit nicht mehr möglich.
- Datum 16.08.2007 - 06:50 Uhr
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- Quelle ZEIT online
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Man könnte ja wieder der Versuchung verfallen anzunehmen, daß hier "das Internet" und "die Computer" wieder schlechte Verhaltensmuster im Menschen förderten. Ich meine, die schleichende Vorteilnahme ist dagegen ein stets präsentes gesellschaftliches Verhaltensmuster, und die Technik im Netz macht die Vorgänge leichter nachvollziehbar.
Oder glaubte jemand, die Berichterstattung in den Medien sei nicht zuvor schon von interessierter Seite beeinflusst gewesen? Allerdings lassen sich die Händel, die mit Menschen betrieben wurden, schwerer nachvollziehen als eine doch ziemlich unbestechliche Serverlogdatei.
Ich finde das einen echten Mehrwert der digitalen Kommunikation: Selbst Lobbyismus wird transparenter.
Der Wikiscanner ist heute durch die gesamte deutsche Presse gegangen, was wird wohl die Folge sein? Richtig, die Benutzung von Proxys (Verschleierung der IP) zur Editierung unliebsamer Artikel.
Ich habe trotzdem relativ großes Vertrauen zu Wikipedia, viele Darstellungen sind ausgewogener und neutraler formuliert als in der Presse oder handelsüblichen Lexikon(s/en?).
Vielleicht sollten vermeintlich gesicherte Daten mit einer Art Sonderschutz versehen werden, der erst nach Diskussion und anschließender Freischaltung durch die Community verändert werden darf. Aber vielleicht gibt es sowas ja bereits?
MfG
AKu
Ein Lexikon! Zwei Lexika ! :)
Gerade bei brisanten Themen ist Wikipedia oftmals einseitig und polemisch, mal mehr in die eine mal mehr in die andere Richtung. Trotzdem: Für einen schnellen Überblick unverzichtbar.
(Edit: Ein bisschen weniger dramatisch ;) )
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