ZEIT online: Wie lange haben Sie in Mügeln gelebt?

Manuela Ritz: Bis 1989, bis ich neunzehn war. Ich fahr ab und zu noch hin, weil meine Mutter dort lebt. Ich habe allerdings überlegt, wie lange ich das noch tun werde. Denn ich kenne die Atmosphäre dort, die war nie von wahnsinniger Offenheit gegenüber Leuten geprägt, die nicht blond und blauäugig sind. Es mag schon sein, dass es keine rechtsradikale Szene gibt, wie der Bürgermeister sagt, das kann ich nicht beurteilen. Ich weiß aber, wie ich angeschaut wurde und werde und was für Sprüche fallen, wenn ich durch die Straßen gehe.

ZEIT online: Gibt es Rassismus in Mügeln?

Ritz: Es gibt Rassismus in Deutschland. Schon der Umgang mit den Worten zeigt das Problem. Wenn man von Rechtsradikalismus spricht, kann man sich zurücklehnen und sagen, es geht nur um fünfzig Leute, die wahnsinnig sind. Wenn man dagegen von Rassismus spricht, muss sich jeder selbst anschauen, muss nachdenken, mit welchen Vorurteilen er durch die Gegend läuft. Dass das Wort so vermieden wird, liegt daran, dass es dabei um alle geht. Das ist der Kern des Problems. Tendenziell auch bei jenen, die sich gar nicht für rassistisch halten, trotzdem aber Bilder und Sprüche im Kopf haben, die in diese Richtung gehen.

ZEIT online: Wie äußert er sich?

Ritz: Das ist eine Frage der Perspektive. Ich kann mir vorstellen, dass Bürgermeister Gotthard Deuse sagt, es gibt keinen Rassismus in Mügeln – er bekommt ihn ja nicht ab. Rassismus ist ja nicht nur, Inder durch die Straße zu jagen. Sondern Rassismus ist auch das, was subtil über Blicke, Sprüche oder allein schon durch die Art, mich anzusprechen transportiert wird. Eben nicht in klarem Deutsch sondern so, als könnte ich nicht bis drei zählen. Bis hin zu Äußerungen wie: Geh’ Dich mal waschen, Du bist dreckig. Das habe ich als Kind gehört und das hören meine Kinder noch immer.

Was mir zeigt, dass sich die Einstellung in diesem Land nicht geändert hat, egal in welcher Stadt. Es wird immer noch so getan, als wäre deutsch gleich weiß. Und wer asiatisch oder indisch aussieht, gehört nicht hier her. Und wird wegen seines Aussehens kriminalisiert. Das ist makaber, wenn man bedenkt, das zum Beispiel Schwarze seit dem 15. oder 16. Jahrhundert hier leben.