Bis eben hatten sie sich wirklich gefreut, dass Ronald Pofalla sie besucht, hier beim Sanitätskommando III in Weißenfels, im südlichsten Zipfel Sachsen-Anhalts. Sie bekommen nicht viel Aufmerksamkeit, die Ärzte und Sanitäter der Bundeswehr, auch wenn sie zu denen in der Truppe gehören, die am stärksten durch die Militäreinsätze überall in der Welt belastet sind. Nun also ist der Generalsekretär der CDU gekommen, um ihre Arbeit zu loben und sich ihre Sorgen anzuhören. Der Anfang läuft gut. Pofalla lauscht interessiert ihren Vorträgen, bedankt sich für ihre Einsatzbereitschaft in jeder Ecke der Welt, zeigt sich beeindruckt von ihren Möglichkeiten. Dann jedoch sagt er den Satz, für den er nach Weißenfels gefahren ist: „Ich will zwei Anmerkungen machen zum Grundsatzprogramm der CDU.“

Es ist, als hätte in fröhlichem Familienkreis plötzlich jemand erwähnt, dass er pleite sei und dringend Geld brauche. Pofalla will keine Unterstützung leisten, er will sie bekommen. Mehr als zwei Wochen ist der Bundesgeneralsekretär kreuz und quer durch die Republik gereist, um die neuen Leitlinien seiner Partei bekannt zu machen und mit denen darüber zu diskutieren, die von ihnen betroffen sind. Dialogtour hieß die Werbefahrt.

Seit 40 Jahren gibt es das Amt des Bundesgeneralsekretärs in der CDU. Er ist so etwas wie der Geschäftsführer; nach außen neben dem Parteivorsitzenden die wichtigste Stimme, nach innen derjenige, der für Ruhe sorgen soll. Früher war das ein Job für politische Leithammel, für jene, die die Richtung vorgaben, in die dann die Herde rannte. Kurt Biedenkopf hatte das Amt inne, Heiner Geißler, solche Leute.

Nun also Ronald Pofalla. Als er vor knapp zwei Jahren von Angela Merkel vorgeschlagen wurde, hielten ihn alle für blass. Justiziar der Bundestagsfraktion war er bis dahin gewesen, ein Vertrauensposten, aber keiner, mit dem man groß in Erscheinung tritt. Das Beste, was anfangs über Pofalla gesagt und geschrieben wurde, war, dass er loyal zu Merkel stehe. Doch ist das längst nicht alles. Es hat eine Weile gedauert, doch inzwischen zeigt sich, warum sie ihn holte.

Die CDU hat sich verändert in den vergangenen Jahren, nicht erst, seit sie mit Angela Merkel die Kanzlerin der Großen Koalition stellt. Längst ist sie nicht mehr so einig und geschlossen, wie sie nach außen noch immer wirkt. Ihr Kurs ist nicht mehr klar, er mäandert, ändert sich von Parteitag zu Parteitag. Die einzelnen Interessengruppen driften auseinander. Viele gibt es inzwischen, die sich in der Partei nicht mehr zu Hause fühlen: Die Rentner brechen ihr als Unterstützer weg, die Jungen bekommt sie nicht, die Frauen fühlen sich nicht aufgehoben, trotz aller familienpolitischen Bemühungen, die Konservativen sich nicht mehr vertreten.

Das neue Grundsatzprogramm soll das ändern, mit Pofallas Hilfe. Denn das ist jetzt der Job des Generalsekretärs: Jeden ins Boot holen. Eine undankbare Aufgabe, aber Pofalla erledigt sie, wie alles was er tut, ruhig und diszipliniert. Selbstverständlich sieht es aus, wenn er versucht, alle zu umarmen. Den Ausbau der Krippenplätze kann er genauso vehement als „Meilenstein in der Familienpolitik“ verteidigen wie den als Herdprämie gescholtenen Gegenentwurf eines Betreuungsgeldes der CSU.