Geld ist eine fantastische Erfindung. So wie mit dem Rad der Transport der Güter auf eine vorher unvorstellbare Weise vereinfacht wurde, wird mit Geld der Tausch erleichtert. Ohne das Geld wäre unser heutiger Wohlstand nie möglich geworden. Beide Erfindungen, Rad und Geld, waren aber von Anfang an mit Umlaufschwierigkeiten verbunden. Der Umlauf des Geldes wird heute noch ständig unterbrochen und partiell blockiert. Dabei kennen doch alle das Sprichwort vom Rubel, der rollen muss!

Aufgehalten wird das Geld nicht so sehr dadurch, dass wir es zur Bank tragen, um zu sparen, denn das dort geparkte Geld kommt über Kredite in den Wirtschaftskreislauf zurück. Blockiert wird sein Umlauf aber dadurch, dass wir es in der Brieftasche oder auf dem Girokonto deponieren und so festhalten. Das bewirkt ein Aufschieben der Nachfrage, was zu Unterbrechungen des Geldkreislaufs führt. Die Folge: Die Unternehmen können ihr Angebot nicht absetzen, müssen ihre Produktion herunterfahren, die Beschäftigung geht zurück. In letzter Konsequenz führt zurückgehaltenes Geld also zur Arbeitslosigkeit.

Wie kommt es zu den Blockierungen?

Geld ist - im Auftrag des Staates von der Notenbank herausgegeben - eine öffentliche Einrichtung. Nicht nur als „gesetzliches Zahlungsmittel“, sondern auch als allgemein geltender Wertmaßstab und Tauschvermittler. Als Tauschmittel ist es aber den einzutauschenden Gütern und der Arbeit überlegen: Es verdirbt nicht, wird nicht alt und unmodern. Das heißt, wenn man Geld übrig hat, ist die Versuchung groß, es für später aufzuheben und damit seinen Kreislauf zu blockieren. Doch damit ist es für andere nicht verfügbar.

Klicken Sie auf das Bild für alle Artikel zur Diskussionsreihe über Geld, Zins und Alternativen zur herrschenden WirtschaftsordnungWozu es führt, wenn öffentliche Einrichtungen blockiert werden, erleben wir täglich im Straßenverkehr. Dort drohen uns Strafgebühren, wenn wir auf der Fahrbahn parken, und für die Nutzung öffentlicher Parkplätze müssen wir zeitbezogene Gebühren zahlen. Im Falle des Geldes aber wurde das Prinzip auf den Kopf gestellt. Hier werden die Blockierer nicht bestraft, im Gegenteil: Man stellt ihnen eine Belohnung in Form von Zinsen in Aussicht, um sie zu bewegen, ihre Blockade aufzugeben – also ihr Geld wieder in den Wirtschaftskreislauf einzuspeisen.

Teilnehmer des Wirtschaftslebens, denen das zurückgehaltene Geld fehlt, müssen dem Blockierer eine Freigabeprämie zahlen, deren Höhe der „Spielverderber“ sogar noch bestimmt. Erscheinen ihm die gebotenen Zinsen zu gering, dann wartet er, und den Geldnachfragern bleibt nichts anderes übrig, als mehr zu bieten. 

Was sind die Folgen?

Dieser Mechanismus – Geld wird nur gegen Zinsen freigegeben – verursacht einen dauernden Einkommensstrom, der ohne reale Gegenleistung von den Geldleihern zu den Geldverleihern fließt, und damit letztlich von der Arbeit zum Besitz. Dieser Zinsstrom wächst aber nicht im Gleichschritt mit der Wirtschaft, sondern mit der Masse der Geldvermögen und Schulden, die, bedingt durch Zins- und Zinseszinseffekt, um ein Vielfaches rascher als die Wirtschaft wachsen.

 

Daraus resultiert nicht nur die globale Überflutung der Welt mit immer umfangreicheren, nach Anlagemöglichkeiten suchenden Geldersparnissen , sondern auch die zunehmenden Spannungen zwischen Arm und Reich. Lagen im Deutschland der 1950er Jahre die von den Banken ausgeschütteten Zinsen noch bei zwei bis drei Prozent der Nettolöhne, hatten sie im Jahr 2000 mit 293 Milliarden Euro bereits die Hälfte dieser Lohneinkommensgröße erreicht.

Besonders problematisch ist dabei, dass sich diese Zinseinnahmen immer mehr bei einer Minderheit der Bürger konzentrieren. An diese Minderheit floss auch das Gros der vom deutschen Staat gezahlten Zinsen, die sich seit 1970 bis heute auf mehr als 1500 Milliarden Euro summieren und damit die gesamte staatliche Neuverschuldung beansprucht haben. Und da die Zinssätze heute nie auf null fallen können, geraten alle Volkswirtschaften in ein Dilemma. Entweder sie gefährden durch ständiges weiteres Wachstum ihre Umwelt oder ohne Wachstum den sozialen Frieden. Am Ende beider Alternativen aber stehen Gewalt und Krieg.

Was ist zu tun?

Wer ein Problem lösen will, muss bei seinen Ursachen ansetzen. Die Ursache des Geldproblems sind die dauernd positiven Zinsen, die heute auch dann noch erhoben werden, wenn sich in Volkswirtschaften Sättigungsgrenzen abzeichnen und das Wachstum gegen null tendiert. 

Überwindbar ist diese Fehlentwicklung nach dem Verursacherprinzip, indem man die Bargeld- und ggfs. auch die Giralgeldhaltung mit Kosten belegt. Diese Lösung, von Silvio Gesell vor rund 100 Jahren entwickelt, hat auch der wohl bekannteste Ökonom des vergangenen Jahrhunderts, John Maynard Keynes, aufgegriffen. In seinem 1937 erschienenen Hauptwerk, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes , schreibt er, dass eine solche Geldhaltegebühr, neben einer Verstetigung des Umlaufs, „der vernünftigste Weg sein (würde), um allmählich die verschiedenen anstößigen Formen des Kapitalismus loszuwerden“.

Für eine historische Umsetzung dieser Forderung steht das in der „Blüte des Hochmittelalters“ über einige Jahrhunderte in Mitteleuropa verwendete Dünnblechgeld, Brakteaten genannt, das ein bis zwei Mal im Jahr „verrufen“ wurde und gegen Abschlag eingetauscht werden musste. Und aus dem vergangenen Jahrhundert ist vor allem „das Wunder von Wörgl“ bekannt, wo die Gemeindeverwaltung in der Krise der frühen 1930er Jahre ein umlaufgesichertes Notgeld einführte und damit die Arbeitslosigkeit reduzieren konnte.

Die heute sich vermehrt bildenden Regio-Geld-Initiativen greifen diese Beispiele auf und regen damit auch zur Befassung mit unseren Geldproblemen an. In der Praxis dürften sie jedoch nur dann zu merkbaren regionalen Verbesserungen führen, wenn sie - wie seinerzeit in Wörgl - von den Gemeinden mitgetragen und als Zahlungsmittel anerkannt werden. Ansonsten sind die Nachteile eines solchen Zweitgeldes kaum auszugleichen.

Helmut Creutz wurde 1923 geboren und hat die Zeit miterlebt, die zum „Wunder von Wörgl“ führte. Als Wirtschaftsanalytiker und Publizist hat er auch einige Bücher über Geld und Zins veröffentlicht. Creutz lebt in Aachen. Auf ihn antwortet in der kommenden Woche der Ökonom Gebhard Kirchgässner von der Universität St. Gallen