Noch weiß die Polizei nicht, wer die tödlichen Schüsse abfeuerte, die das Leben des 11-jährigen Rhys abrupt beendeten. Nach mehr als einer Woche noch immer keine Tatwaffe, nicht einmal die Patronenhülsen, kein Geständnis, vor allem keine Aussagen von Zeugen, obgleich insgesamt zehn Teenager, darunter zwei Mädchen, von der Polizei zeitweilig festgenommen und befragt wurden.

Angst spielt hier eine gewichtige Rolle, die Angst vor der Rache der Gangs, die in Liverpool ihr Unwesen treiben und von deren "Jahrestagen" bestimmter Ereignisse oder Todesfälle, die sie mit Aktionen begehen wollen, die Polizei durchaus weiß, sie aber nicht verhindern kann. Das mag mit dazu beitragen, dass ihre Versicherung, den Zeugen Anonymität und Schutz zu garantieren, nur sehr bedingt wirken. Zugleich deuten die Mauern des Schweigens auf eine unerfreuliche, ja bedrohliche Entwicklung hin.

Die Minderheit einer kriminellen Unterklasse, die nicht die Normen der Mehrheitsgesellschaft teilt, wächst. Hier gelten allein die Gesetze der Banden, die unbedingte Loyalität und "Respekt" verlangen und die vielen vaterlosen Jungs den Ersatz liefern für fehlende männliche Vorbilder. Jugendbanden stellten denn auch auf YouTube prahlerisch ihr Waffenarsenal inklusive Maschinenpistolen und scharfgemachten Hunden zur Schau; die Schlagzeilen der Presse schreien "Anarchie im Vereinigten Königreich", Kommentatoren streiten über das Ausmaß des gesellschaftlichen Schadens, den der Mord an einem Schüler enthüllt hat. Ist die Gesellschaft bereits "zerbrochen" oder nur dabei zu "zersplittern"?

Zu Beginn dieser Woche äußerte sich die verzweifelte Mutter des 11-Jährigen, der vermutlich ins Kreuzfeuer eines Bandenkriegs geriet. Die Hauptverantwortung für den Mord an ihrem Sohn wies sie der Mutter des Todesschützen zu. Sie habe es versäumt, ihrem Kind "Respekt vor anderen" beizubringen; es sei ihr offenbar gleichgültig, was ihr Kind tue und mit wem es sich herumtreibe. Nun lasse die Mutter auch noch "Anstand und Mut" vermissen, den jugendlichen Mörder der Polizei zu melden.

Es ist verständlich, dass angesichts eines solch aufrüttelndes Falls nun eine nationale Debatte begonnen hat, in der auch die Politiker mitsprechen und nicht verschämt, ein bisschen schuldbewusst an der Seite verharren. Wenn eine Gesellschaft einen solchen Mord nicht als Katalysator für eine intensive Debatte begreift, ist der Augenblick gekommen, bemerkte die Times , dass "ein Land den Kampf gegen seine Dämonen verloren hat".