Sprache : Innovative Kaninchenzüchter

Das Lexikon der Sprachverirrungen spießt deutschlandtypisches "verbales Imponiergewurstel" auf - und belegt, dass auch das "Dummdeutsch" sich ständig wandelt.

Viel von dem "Dummdeutsch", das der Schriftsteller Eckhard Henscheid in seinen Büchern mit diesem Titel verspottete (Reclam, 1985, 1986 und 1995), ist inzwischen außer Kurs, wie etwa die "Betroffenheits"-Sprache, Kernstück der damals "neuen deutschen Schwerinnerlichkeit". Das für unser Land typische "verbale Imponiergewurstel" und das "Verschleierungsdeutsch" in Politik und anderen Bereichen gibt es zwar weiter, doch hat es neue Ausdrucksweisen gefunden. Das zeigt jetzt ein "Lexikon der Sprachverirrungen" von den schon mit anderen Beiträgen zur Sprachentwicklung hervorgetretenen Autoren Walter Krämer und Roland Kaehlbrandt: Die Ganzjahrestomate und anderes Plastikdeutsch .

Zu "Plastikwörtern" werden Begriffe oft erst durch ihre inflationäre Verwendung oder inhaltliche Aushöhlung, ähnlich wie sie zum "Dummdeutsch" werden. So musste denn auch der Begriff "Philosophie" in das Lexikon aufgenommen werden - bei Immanuel Kant der erhoffte "Ausgang aus selbst verschuldeter Unmündigkeit". Heute verhilft er in Wirtschaftsunternehmen und sogar im Sport zu höheren Weihen. "Bei Bayern muss man den Titel holen, das ist die Philosophie", sagte Trainer Ottmar Hitzfeld. Die Vorliebe für Hochwertwörter hat auch eine "Firmenphilosophie" geschaffen.

Kaninchenzüchter mit Konzept

Unter den Wörtern, die eine Veredelungskarriere gemacht haben, ist das schlichte "Konzept" - ursprünglich: Entwurf, erste Niederschrift. Inzwischen wird man ohne ein "Konzept" nicht einmal mehr stellvertretender Vorsitzender eines Kaninchenzüchtervereins.

Die Imponiervokabel "innovativ" gehört mittlerweile zur Grundausrüstung jedes deutschen Betriebswirtschafts-Absolventen, heißt es im Lexikon. Vor allem EDV-Anbieter wären ohne sie verloren. "Innovative Wettbewerbstools mit Fokussierung der Implementierungsbreite" stehen im Wettbewerb mit "innovativen Marketingkonzepten". Offenbar wird auch erwartet, dass sich ein neues Automodell mit "innovativ gezeichneter Heckansicht" besser verkauft als eines mit "neuartig" gezeichneter.

Verortet und umgesetzt

Von dem alten Verb "umsetzen" gibt es jetzt eine managerdeutsche Umsetzung. Dem Umsetzen von miteinander schwatzenden Schulkindern oder Zuckerrüben ist das "Umsetzen" von Philosophien und Strategien gefolgt. Warum scheuen die Umsetzer das Wort "verwirklichen"? Vielleicht, weil es zu mehr verpflichtet als umsetzen.

In Feuilletons wird viel "verortet". Zustände werden nicht mehr erkannt, Gegenstände nicht mehr gesehen, sondern - offenbar in einer geistig veredelten Form der Wahrnehmung - "verortet".

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