1990 machte Supermodel Linda Evangelista mit einer Äußerung Schlagzeilen, die zu einem der berühmtesten Zitate der Modelwelt wurde: "Für weniger als 10.000 Dollar pro Tag stehen wir morgens gar nicht auf."

Sie bezog sich dabei auf sich selbst und ihre Kollegin Christy Turlington, die beide zum engen Kern einer Handvoll Models gehörten, die die Branche aufrüttelten, da sie genauso berühmt und mächtig wie die Prominenz aus Film und Fernsehen waren.

Models traten in Talkshows auf. Sie zogen Filmrollen an Land. Sie inspirierten Franchise-Unternehmen (das vom Pech verfolgte Fashion Café mit den Teileigentümerinnen Claudia Schiffer, Naomi Campbell und Elle MacPherson). Sie gingen mit Filmstars aus oder heirateten sie (Linda Evangelista und Kyle MacLachlan, Christy Turlington und Ed Burns, Cindy Crawford und Richard Gere). Und natürlich verdienten sie Millionen.

Manche tun das immer noch. An der Spitze der Forbes.com-Liste der weltweiten Spitzenverdienerinnen unter den Models steht Gisele Bündchen mit mehr als 24 Millionen Euro, mehr als das Dreifache der 6,5 Millionen Euro, auf die es die Zweitplatzierte Kate Moss bringt. Die 15 Models wurden vorrangig nach ihrem geschätzten Einkommen in den vergangenen 12 Monaten gelistet. Bei Bedarf wurde jedoch auch die Relevanz des Models ihre Präsenz in jüngsten Kampagnen, Leitartikeln, auf Titelseiten von Modemagazinen und nach Meinung der Branchenfachleute – berücksichtigt. So bekannte Namen wie Heidi Klum (5,8 Millionen Euro), Adriana Lima und Alessandra Ambrosio (beide 4,3 Millionen Euro) runden die fünfköpfige Spitzentruppe ab.

Gisele Bündchen ist ein Arbeitstier und lässt die anderen weit hinter sich: Während die meisten Models der Liste einen Hauptvertrag und drei oder vier saisonale Kampagnen haben, absolviert Bündchen fast 20 Kampagnen. Allein mindestens 4,3 Millionen Euro pro Jahr verdient sie mit einer Schuhkollektion, die sie unter ihrem Namen mit Grendene, einem brasilianischen Schuhhersteller, herausgebracht hat. Aber es könnte sein, dass Bündchens Stern nächstes Jahr sinkt: Im Dezember läuft ihr rekordverdächtiger Vertrag mit dem amerikanischen Wäschehersteller Victoria's Secret aus, der ihr stolze 3,6 Millionen Euro pro Jahr einbringt.

Bei den meisten übrigen Models sehen die Dinge anders aus. Topmodels wie die der Forbes-Liste scheffeln immer noch Millionen, aber erst dann, wenn ein mehrjähriger Vertrag gesichert ist. Die Tage der 10.000 Dollar für einen Laufstegauftritt sind vorbei. Die Topmodels zieht es gar nicht mehr zum Laufsteg. Er gilt heute als eine Art Praktikum für die Hunderte anonymer 15- und 16-jähriger ausländischer Mädchen, die jede Saison die Catwalks von New York, Paris und Mailand bevölkern. Sie machen 70 Shows in sechs Wochen und erhalten als Gage in ihrer ersten Saison etwa 180 Euro die Stunde.

Ein gutes Model mit vielen Auftritten kann knapp 150.000 Euro pro Saison verdienen. Aber es ist auch gut möglich, dass man nach nur einer Saison von diesem Model nie wieder etwas sieht. Zu den Glanzzeiten der Supermodels waren die meisten Topmodels Amerikanerinnen – Cindy Crawford stammte aus Illinois, Tyra Banks und Christy Turlington kamen aus Kalifornien. Dank ihres amerikanischen Akzents gelangten sie relativ schnell und einfach zu Starruhm. Dann entdeckte die Modeindustrie, die vom Wandel und von Veränderung lebt, ihre Vorliebe für ausländische Models. Vor fünf Jahren waren es die Brasilianerinnen, allen voran Bündchen, Lima und Ambrosio. Dieses neue Dreigestirn wurde dank seiner Verträge mit Victoria's Secret schnell berühmt, aber aufgrund ihres ausländischen Akzents konnten sie nicht so leicht wie ihre Vorgängerinnen auch die Welt der amerikanischen Fernsehsendungen, Kinofilme und Talkshows erobern. Und mit Ausnahme von Bündchen, die mehrere Jahre lang eine On-und-Off-Beziehung zu Leonardo DiCaprio geführt hatte, schirmten sie ihr Privatleben vor der Öffentlichkeit ab.

Ein paar Saisons später kamen die Osteuropäerinnen: anonym, blass, kaum dem Teenie-Alter entwachsen und an der Grenze zur Magersucht. Sie waren zu jung, um Filmstars zu werden oder mit Berühmtheiten auszugehen, zu dürr, um Verträge mit Victoria's Secret zu ergattern, und die mangelnden Englischkenntnisse waren schlechte Voraussetzungen für eine breit angelegte Medienkarriere.

Natalia Vodianova aus Russland, die seit ihrem elften Lebensjahr an einem Obststand gearbeitet hatte, konnte sich von dieser Masse absetzen und flüchtete in die schützenden Arme von Calvin Klein. Die große Mehrheit wurde wieder dahin zurückgeschickt, wo sie hergekommen war. Vodianova ist vielleicht ein Star in der Branche, aber versuchen Sie einmal, einen Teenager in einem Einkaufszentrum im Mittleren Westen der USA zu finden, der stundenlang in einer Schlange anstehen würde, um einen Blick auf sie zu erhaschen – noch vor zehn Jahren war das bei Tyra Banks oder Cindy Crawford keine Seltenheit.

Die wachsende Bedeutung der Prominenz aus Film und Fernsehen verwies viele Models in die Anonymität. Kosmetikunternehmen nehmen fast ausschließlich Prominente für ihre Kampagnen unter Vertrag, das Gleiche gilt für Modedesigner. Scarlett Johannson ist das Gesicht von Louis Vuitton, Eva Longoria strahlt für L’Oreal, Jessica Albas Schmollmund wirbt für Revlon - diese Liste könnte man lange fortsetzen.

Noch verheerender für die Fähigkeit der Filmbranche, Supermodels hervorzubringen, war die Tatsache, dass die Modemagazine diesem Beispiel folgten: Vor zehn Jahren zierten Models zehn der zwölf Titelseiten der amerikanischen Ausgabe der Vogue . Letztes Jahr schaffte es nur ein Model auf die Titelseite und das war Linda Evangelista – die mit dem berühmten 10.000-Dollar-pro-Tag-Zitat – als ob die Vogue der Zeit nachtrauerte, als Models noch stolz ihren Prominentenstatus reklamierten.

Aber es sind nicht nur die Prominenten aus Film und Fernsehen, die die Models aus dem Rampenlicht verdrängen. Die Designer – Marc Jacobs, Tommy Hilfiger, Miuccia Prada – wurden berühmter als ihre Mannequins. Isaac Mizrahi moderierte die Pre-Show der Golden-Globe-Verleihung für den Sender E!. Donatella Versace ist regelmäßig bei Saturday Night Live zu sehen. Noch vor einem Jahrzehnt war es nicht ungewöhnlich, dass ein Model mit einer einzigen Printkampagne für einen Designer mehr als 70.000 Euro verdiente. Heute bekommt es wahrscheinlich eher eine kleine Praktikumsgage, ein paar kostenlose Kleider und die Ehre einer "Verbindung" zu dem berühmten Modemacher.

Während jedoch die Möglichkeiten, in der Modelwelt Starruhm zu erlangen, immer mehr schwanden, konnten sich diejenigen, die es schafften, dank der Kunst des Retouchierens immer länger halten. "Das hat den Alterungsprozess vollständig gestoppt", sagt Elite-Agent Richard Habberly, der das Victoria's Secret-Model Alessandra Ambrosio vertritt (die sich mit 26 darüber freilich noch keine Gedanken machen muss).

Christie Brinkley, das Übermodel der 1980er, konnte ihren früheren Vertrag mit Cover Girl wieder zum Leben erwecken und sieht auch nach 20 Jahren so gut aus wie eh und je. Auch Christy Turlington, 38, und Linda Evangelista, 42, können neue Verträge unter Dach und Fach bringen, und in Anzeigen sehen sie fast genauso aus wie zu ihren glanzvollen Supermodel-Zeiten.

Ivan Bart, ein Topagent der Agentur IMG Models, die unter anderen Gisele Bündchen und Heidi Klum vertritt, fügt hinzu, dass die Einnahmen heutzutage aus mehr Quellen fließen: "Es gibt neue Märkte wie Asien und China. Die Welt ist globaler als je zuvor." Im März startete IMG eine Modewoche, die Laufstege und Topmodels wie Gemma Ward und Naomi Campbell in Städte wie San Francisco und Houston brachte.

Aber in der Welt der Mode geht es um Trends, Trends und noch mal Trends. Und Trends sind zyklisch. Die Leitartikel der Vogue wenden sich schon wieder von den erschreckend dünnen Models aus Osteuropa ab und hin zu den gesünder aussehenden Models, die eher dem amerikanisierten Standard entsprechen. Hilary Rhoda ist dafür wahrscheinlich das beste Beispiel.

Das neue Gesicht von Estée Lauder wuchs in Chevy Chase in Maryland auf und spielte in der High School Lacrosse und Feldhockey. Anders als die mageren Models, die zuhauf in Kindergrößen über die Laufstege stöckeln, trägt Rhoda immerhin etwa Größe 36.

Auch Kosmetikfirmen könnten wieder neue Gesichter unter Vertrag nehmen. In der neuesten Werbekampagne von L'Oreal kommt neben Eva Longoria auch das niederländische Model Doutzen Kroes zum Einsatz.

Models könnten sogar wieder ein Comeback als Covergirls feiern. Die Mai-Ausgabe der Vogue zeigte zehn der angesagtesten neuen Gesichter, darunter drei Models der Forbes-Liste: Hilary Rhoda, Doutzen Kroes und Jessica Stam. Natalia Vodianova schmückte ganz allein die Juli-Titelseite. "Es war an der Zeit, dass die Vogue wieder einmal ein Model zeigt", sagt Patrick O’Connell, der Vogue -Chefredakteurin Anna Wintour untersteht. "Models sind wichtig."

Eine Konstante während das gesamten vergangenen Jahrzehnts war die Wirkung von Victoria's Secret als Model-Macher. Der 3,65 Milliarden Euro schwere Dessousgigant, Teil der Aktiengesellschaft Limited Brands, hat über die Jahre die Karrieren von Dutzenden von Supermodels ins Rollen gebracht, darunter Gisele Bündchen und Heidi Klum und in jüngerer Zeit die der Bikini-Schönheiten Adriana Lima, Alessandra Ambrosio und Karolina Kurkova.

Das Unternehmen hat sich auch standhaft dem Promi-Trend widersetzt. "Die meisten Prominenten sind nur knapp 1,60 Meter groß", begründet Edward Razek, Marketing-Chef des Unternehmens, die Tatsache, dass er pro Monat mindestens eine Prominente ablehnt, die geradezu darum bettle, für die Marke werben zu dürfen.

Die Rolle von Victoria's Secret bei der Förderung von Talenten lässt sich mit der vergleichen, die Hollywood-Studios in den 1930ern und 40ern für Schauspielerinnen spielten. Ein Model fängt mit ein paar Laufstegshows an, steigt dann auf zu den Katalogfotos, und wenn ihre Professionalität und Persönlichkeit genug Menschen beeindruckt, kann es sein, dass sie am Ende den Academy Award der Modelszene erhält – einen mehrjährigen, mehrere Millionen Dollar schweren Vertrag als "Engel" von Victoria's Secret. Das Unternehmen investiert Zeit und Geld in die Entwicklung seiner Engel zu Berühmtheiten – die Mädchen bekommen Sprechtraining, werden im Umgang mit den Medien geschult und für Talk Shows gebucht.

Wenn sie Glück haben, bringen sie es zu Supermodel-Starruhm und werden Mediengrößen wie die Alumni Heidi Klum und Tyra Banks. In dieser Saison fing Victoria's Secret sogar an, seine Beautyprodukte mit den Namen und Konterfeis der Mädchen zu versehen. Razek sagt: "Wir verschreiben uns nicht dieser namenlosen, gesichtslosen Modelroutine."