Es gibt diese Legende aus den USA, wo schon lange Schüler mit Werbung konfrontiert werden: Ein Junge sollte angeblich vom Unterricht supendiert werden, weil er am Coca-Cola-Tag ein Pepsi-T-Shirt trug . So weit sind wir noch nicht. Aber auch hier wollen Unternehmen  an die Kinder ran. Sie beauftragen Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben, Werbung für Kinder zu machen, damit sie früh markentreu werden, ihr Geld nicht der Konkurrenz geben. Eine ganze Menge Geld, 20 Milliarden Euro, sollen Jugendliche zwischen 11 und 19 im Jahr zur Verfügung haben. Kinder beeinflussen auch, was ihre Eltern kaufen. Sogar über den Autokauf reden sie mit, selbst wenn das Mama und Papa gar nicht so bewusst ist.

Umgekehrt geht es vielen Schulen schlecht. Sie haben zu wenig Geld. Putz bröckelt von den Wänden, Dächer sind undicht. Neue Sportgeräte, aktuelle Bücher und Computerprogramme sind oft nicht drin im Budget.

Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Schulen und Wirtschaft  zusammenkommen wollen, häufig auch schon zusammengekommen sind. Sponsoring oft willkommen. Schulhefte sind mit dem Logo einer Firma bedruckt, Sturzhelme für die Skireise gibt es umsonst, Sparkassen verschenken Schultüten zusammen mit einer Einladung in die Filiale, wo die Tüte dann befüllt wird und die Eltern beschwatzt werden.

Außerdem gibt es Kooperationen mit Unternehmen, in denen Schüler Praktika absolvieren können. Sinnvoll, gewiss. Die ZEIT bietet Unterrichtsmaterialien zur Medienkunde an. Auch vernünftig. Doch es kann auch passieren, dass Mayonnaise plötzlich Inhalt des Unterrichts wird, wenn die Firma Thomy mit einer Schule eine Partnerschaft eingeht . Schleichwerbung nennt man das. Es gibt Unterrichtsmaterialien von Wrigley über Kaugummi oder von Siemens über Technik und die eigene Firmengeschichte. Wie oft dieser Stoff im Unterricht behandelt wird, weiß keiner so genau.

In Hamburg sollt nun darüber hinaus Produktwerbung in den Schulen zugelassen werden. Wie in Sachsen-Anhalt, Berlin und Bremen. Ein Entwurf zu einer neuen Richtlinie ist schon da und sollte im Oktober in Kraft treten. ( Inzwischen wurde der Plan zurückgenommen ) Danach hätten die Schulen eigenständig entscheiden können, welche Werbeflächen sie an wen verkaufen. Auf dem Bodenbelag der Turnhalle wäre beispielsweise ein Firmenlogo, im Pausenhof stünden mit Werbung bedruckte Schirme wie im Biergarten und Postkartenständer böten Werbepostkarten zum Mitnehmen an. Ein paar Einschränkungen gibt es in dem Entwurf. Unterrichtsinhalt darf nicht verkauft werden – also kein Deutschunterricht von ZEIT-Redakteuren, kein Sportunterricht von einem Adidas-Marketing-Experten. Für Weltanschauungen oder rechtswidrigen Dinge darf natürlich auch nicht geworben werden.

Das Ziel sei es, sagt der Sprecher der Hamburger Bildungsbehörde Alexander Luckow, den Schulen in jeder Hinsicht mehr Freiheit zu lassen. Sie stellten ihr Personal jetzt selbst ein, entschieden, wie viele Computer sie kaufen, und eben auch, welche Werbung sie wo zulassen wollen oder besonders gut anbieten können. Sie dürfen auch selbst entscheiden, wie sie das Geld ausgeben wollen. 

Machen wir uns nichts vor: Kinder werden sowieso permanent mit Werbung bombardiert und früh an Marken gewöhnt, auf denen sie dann bestehen. Warum also dann nicht aud die Schulen für Produktwerbung öffnen? Das wäre sogar gerechter, argumentiert Luckow. Sponsoren seien besonders freigiebig an den Schulen, die von reichen Kindern mit einflussreichen Eltern besucht werden. Produktwerbung könnten Schulen flexibler ihren Möglichkeiten entsprechend verkaufen. Er glaubt, es ermögliche auch Schulen mit einer armen Klientel mehr Einnahmen. Denn beispielsweise kann eine Schule, die an einer großen Durchgangsstraße liegt, ihre Außenwand für Plakatwerbung verkaufen. Die Werbung würde sich gar nicht an die Kinder wenden, sondern an die Autofahrer.