Wenige Wochen nach dem Ende der von zahlreichen Dopingfällen überschatteten Frankreichrundfahrt verzeichnet das führende deutsche Team einen weiteren Fall von Medikamentenmissbrauch: Der Rennstall entließ seinen Fahrer Lorenzo Bernucci mit sofortiger Wirkung, nachdem der Italiener positiv auf einen Appetitzügler mit dem Wirkstoff Sibutramin getestet worden war. Der in Monaco beheimatete und mit einer monegassischen Lizenz fahrende Profi musste daher seine Teilnahme an der derzeit stattfindenden Spanien-Rundfahrt abbrechen.

"Wir werden jetzt aber nicht alles hinwerfen, weil Bernucci einen Appetitzügler benutzte. Das wäre nicht das, was wir unter Verantwortung übernehmen verstehen", reagierte Telekom-Sprecher Christian Frommert auf die neue Nachricht. Das Fehlverhalten des 27-jährigen Italieners nannte Frommert eine "Dummheit". Er wies darauf hin, wie sehr der Erfolg in einem glaubwürdigen Anti-Doping-Kampf vom Vorgehen "einzelner Personen" abhänge.

Verbands-Präsident Rudolf Scharping bedauerte den erneuten Doping-Fall, wies aber auf die Wirksamkeit der Kontrollen hin: "Wo konsequent kontrolliert wird, steigt die Wahrscheinlichkeit positiver Befunde, und darüber sollten wir uns eher freuen."

Während der Tour de France war der Doping-Fall des T-Mobile-Fahrers Patrik Sinkewitz bekannt geworden und hatte den Profi-Radsport in Deutschland und das einstige Team Jan Ullrichs an den Rand der Existenz gebracht. Im Gegensatz zum zweiten großen deutschen Radsport-Sponsor, Gerolsteiner, der sein Engagement Ende 2008 beenden möchte, gab die Telekom am 9. August aber bekannt, weiterhin das T-Mobile-Team zu fördern. Einen erneuten Doping-Fall wollte das Unternehmen allerdings nicht dulden.

"Wir wissen nicht, ob dies ein Versuch war, die Leistung zu steigern, oder ein fehlerhafte Einschätzung Bernuccis. Wir wissen aber, dass es inakzeptabel ist, dass Fahrer Medikamente ohne Erlaubnis des Teamarztes nehmen. Das ist ein klarer Verstoß gegen unseren Verhaltens-Codex und auf dieser Basis handeln wir nun", sagte der Team-Manager von T-Mobile, Bob Stapleton.

Der Wirkstoff Sibutramin, der bei Bernucci nach der 6. Etappe der Deutschland-Tour am 15. August in Kufstein gefunden wurde, gehört zur Gruppe der Appetitzügler und wird unter verschiedenen Markennamen wie "Reductil" und "Ectiva" vertrieben. Bernucci räumte in einem Gespräch mit dem Team-Management ein, den Appetitzügler "Ectiva" eingenommen zu haben. Dieses Produkt habe er in einer Apotheke in Italien bezogen.

Seinen Angaben zufolge benutzte er das Mittel bereits seit vier Jahren. Er wusste nicht, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) den darin enthaltenen Wirkstoff im vergangenen Jahr auf die Liste der verbotenen Substanzen gesetzt hatte. Nach den Regularien des Radsport-Weltverbandes UCI kann die zum ersten Mal nachgewiesene Einnahme von "Sibutramin" - aus nicht leistungssteigernden Motiven - verschiedene Strafen nach sich ziehen. Das Strafmaß reicht von einer Verwarnung bis hin zu einer einjährigen Sperre.