Böse, derb und sexistisch sind Bushidos Reime. Dabei sei er ein sensibler Künstler, ein Spießer sogar, sagt er in Interviews. Dem rappenden Berliner Multimillionär bescheren Proteste von besorgten Eltern nur größere Gewinne. Seine Popularität unter Jugendlichen ist ihm nicht zu nehmen. Aber muss jemand wie Bushido im Rahmen eines Konzertes gegen Gewalt an Schulen auftreten? So geschah es in Berlin – zum Leidwesen diverser Politiker und Homosexuellen-Vereinigungen, wie die Frankfurter Rundschau berichtet. Das Argument der Bushido-Kritiker: „Wegen Sätzen wie Berlin wird wieder hart, denn wir verkloppen jede Schwuchtel sei Bushido als Botschafter gegen Gewalt ungeeignet.“ Bushido nahm die Proteste gelassen: „Es geht heute nicht um die Demonstration von den Schwulen gegen mich“, sondern um das Thema Gewalt.

Im ausführlichen Interview mit dem Tagesspiegel bewertet der Rapper einige seiner Reime als fragwürdig. „Ich mache auch Fehler, meine Zeile Ihr Tunten werdet vergast war absolut einer.“ Echter Rap sei jedoch nie die Sprache feiner Musiker gewesen, sondern immer „dreist, erniedrigend und aggressiv“. Seine Texte seien Wortduelle und keine Bedienungsanleitungen. Da verwundert Bushidos Nähe zu Heinz Rühmann. „Ich habe neulich in der ARD ein Portrait über sein Leben gesehen und Parallelen entdeckt.“ Ach, ja? „Jeder denkt bei meinem Namen an Gewalt, Drogen, Sex, aber ich bin jetzt bald 29 Jahre alt, meine Freunde haben fast alle Familie. Wir leiden am Peter-Pan-Syndrom. Wir werden nie so richtig erwachsen und machen gern Blödsinn. Zu Hause aber möchte ich meine Ruhe haben, Hecken schneiden, Depeche Mode hören und Frikadellen brutzeln. Das ist wie bei Heinz Rühmann.“

Ursprünglich stellten echte Gangster mit mehrjähriger Knasterfahrung das Personal der russischen Blatnaja-Musik. In Russland wandele sich diese Folklore der Gauner und Häftlinge zusehends zum Pop mit subversiven Untertönen, heißt es in der Süddeutschen Zeitung . Aus Blatnaja Musyka sei Russkij Schanson geworden.

Der ehemalige Plattenproduzent, Häftling und Blatnaja-Liebhaber Sergej Chigrin könne sich noch an bessere Zeiten erinnern: „Blat geht ein. Niemand geht mehr für seine Musik ins Gefängnis. Es will überhaupt niemand mehr ins Gefängnis. Früher war das kein Problem. Drinnen gab es zu essen, draußen fand man ja sofort wieder Arbeit. Aber heute ist Zeit Geld, und keiner will mehr Zeit im Knast verlieren.“ Knast und Musik aber gehörten zusammen. Ohne Lagererfahrung könne man Blatnaja-Musik weder schreiben noch verstehen.

Ein Genre anderer Art ist das französische Nouvelle Chanson . Journalisten und Plattenlabels fassen darunter so unterschiedliche Künstler wie Benjamin Biolay , Carla Bruni oder Vincent Delerm . In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung empört sich Biolay über das Genre: „Das ist der schlimmste Unfall, der mir je passiert ist. Es ist ein Albtraum. Wenn man brutal und aggressiv sein will, sollte man vielleicht rappen, man muss die Musik aufspalten und verschiedene Einflüsse aus der ganzen Welt zulassen. Die meisten Leute von der Nouvelle Chansons Française singen päpstlich, so wie früher, sie ziehen sich sogar an wie Yves Montand. Ich bin überhaupt nicht so.“ Nicht weniger genervt zeigt sich der Musiker von seinem Staatspräsidenten. „Es ist eine Katastrophe, eine Schande. Man sollte sich ernsthaft bei den Italienern dafür entschuldigen, was wir zu ihnen gesagt haben. Als Berlusconi gewählt wurde, sagte jeder Intellektuelle in Frankreich, oh, Italien, die sind so dumm. Die gleichen Intellektuellen folgen diesem hässlichen kleinen Demagogen, der von sich behauptet, liberal zu sein, aber es doch nicht ist. Er wurde von der unteren Bevölkerungsschicht gewählt, den gleichen, die in weniger als sechs Monaten von seiner Finanzpolitik zerstört sein werden.“

Erheiternd ist die Musik der Berlinerin Clara Hill , wenn man Yoko Rückerl in der FAS glauben möchte. Hill gehöre zu jenen Mädchen, zu deren Musik „man sich ein bisschen betrinken und barfuß durch die Stadt laufen wolle“. Dies habe sie mit Cat Power , CocoRosie und Linda Perhacs gemein. Ihr mit Jazz und Soul verwobener Gitarrenfolk lasse vergessen, was man eigentlich gerade tun wollte. Um diesen verregneten Sommer zu verdrängen, scheint ihr Album Sideways also nicht das schlechteste Rezept zu sein.