ZEIT online: Was bringt zehntausende Menschen dazu, stundenlang zu warten, nur um einen kurzen Blick auf den Papst werfen zu können?

Sebastian Murken: Aus meiner Sicht hat es damit zu tun, dass der Papst ein Bindeglied zur Transzendenz verkörpert. Als Stellvertreter Gottes ist er gleichzeitig von dieser und von der anderen Welt. Den Papst zu sehen bedeutet für viele Menschen, in Kontakt zu dieser Transzendenz zu treten. Ich denke, dass es eine große Sehnsucht danach gibt.

ZEIT online: Woher kommt diese plötzliche Begeisterung für den Papst in Deutschland?

Murken: Schon Johannes Paul II. hat überall auf der Welt die Massen bewegt, das ist kein neues Phänomen. Als er in München zu Besuch war, sind die Leute auch in Scharen auf die Theresienwiese gelaufen. Mit Benedikt XVI. können sich vielleicht deshalb noch mehr Leute identifizieren, weil er eben ein Deutscher ist. Die Bild -Zeitung hat mit ihrer kurzen Zeile „Wir sind Papst tatsächlich einen Nerv getroffen und eine kollektive Identität angesprochen. "Im Angesicht des Papstes" - Schaulustige während des Papstbesuchs in München BILD

ZEIT online: Warum haben Menschen das Bedürfnis nach solch einer kollektiven Identität?

Murken: Teil einer Masse zu sein, mit einem gemeinsamen Ziel und dabei über sich selbst hinauszuschreiten ist psychologisch gesehen eine sehr wertvolle Erfahrung. Die Menschen suchen diese Erfahrung auf verschiedenste Weisen: das kann auf Rockkonzerten passieren oder im Fußballstadion.

ZEIT online: Geht es also hauptsächlich um den „Eventcharakter“ - egal, ob es sich um den Papstbesuch, ein Robbie Williams-Konzert oder die Fußball-WM handelt?