Angela Merkel hat begriffen: Auch Klimapolitik ist Machtpolitik. Nach dieser Devise versucht sie gerade eine Allianz der "Klimaschutz-Willigen" gegen die USA zu schmieden. Geht es nach der Kanzlerin, sollen künftige Zielvorgaben für die Begrenzung von CO2-Emissionen nicht für ganze Länder, sondern nur noch pro Kopf berechnet werden. Der Clou dabei: Zunächst sollen diese Grenzwerte nur für Industrieländer gelten. Schwellen- und Entwicklungsländer müssen erst dann reduzieren, wenn ihr Pro-Kopf-Ausstoß den der Industrieländer erreicht hat.

Politisch ist der Vorschlag gewieft. Denn für Wachstumsriesen wie China oder Indien würde Klimaschutz dadurch endlich machbar erscheinen. Bekämen die Länder sofort CO2-Vorgaben auferlegt, so argumentierten die Asiaten bisher, könnten sie sich wirtschaftlich nicht mehr entwickeln. Und das sei ungerecht. Schließlich konnten die Industriestaaten doch nur reich und mächtig werden, indem sie jahrzehntelang die Umwelt verpesteten. Mit ihrem Vorstoß kann es Merkel nun gelingen, die Schwellenländer auf die Seite derer zu holen, die klare Reduktionsziele befürworten. Denn scheinbar versöhnt der Vorschlag den Klimaschutz mit dem Recht auf ökonomischen Fortschritt. Die Front der Grenzwertgegner wird dadurch gleichzeitig immer kleiner. Am Ende stünde dort isoliert nur noch ein Land: Die USA.

Das passt gut in die Klimastrategie der Kanzlerin, einen immer größeren internationalen Druck auf die USA aufzubauen. Auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm war Merkel mit dieser Art der Diplomatie erfolgreich. Das heißt aber nicht, dass ihr neuer Vorschlag sinnvoll ist. Würde er eins zu eins umgesetzt, wäre das für das Erdklima katastrophal. Der Ausstoß von Klimagasen könnte extrem steigen, weil die Gesamtemissionen der Entwicklungsländer die der Industriestaaten überholen könnten, lange bevor ihr Pro-Kopf-Ausstoß auf Augenhöhe mit dem der Industriestaaten ist.

Zwischen den Pro-Kopf-Emissionen der einzelnen Länder liegen Welten: Spitzenverschmutzer USA kam 2003 auf etwa 20 Tonnen CO2 pro Person, das ist fast 20 mal so viel wie in Indien. Selbst wenn die Amerikaner es schaffen würden, bis 2050 ihren persönlichen Ausstoß zu halbieren, dürfte jeder Inder immer noch zehnmal mehr CO2 in die Luft pusten als heute. Und es geht dabei um eine Menge Menschen: Heute gibt es etwa 1,2 Milliarden Inder, 2050 werden es nach Berechnungen der Vereinten Nationen schon etwa 1,6 Milliarden sein.

Für die Erdatmosphäre, die nicht auf internationale Politik, sondern auf ihren faktischen CO2-Gehalt reagiert, hieße das in dieser Beispielrechnung: Wenn die Reduktionsziele endlich 2050 auch für die Inder greifen, emittiert das ganze Land jährlich bereits 16 Milliarden Tonnen CO2. Zum Vergleich: Die USA stieß 2003 insgesamt 5,8 Milliarden Tonnen aus, 2050 wären es - Bevölkerungswachstum einberechnet - in diesem Modell etwa 4,5 Milliarden Tonnen. Das asiatische Schwellenland hätte das westliche Industrieland also schon lange überflügelt, bevor irgendwelche Begrenzungen gelten. Die Kanzlerin muss sich fragen lassen, ob sie das tatsächlich erreichen will.

Merkels Vorschlag könnte noch aus einem anderen Grund großen Schaden anrichten: Er gibt das falsche Signal, wirtschaftliche Entwicklung sei nur auf Kosten der Umwelt möglich. Eigentlich ist dies ein Argument der westlichen Industrie, die nicht ökologisch denken will und lieber mit abgeschriebenen, alten Technologien die Umwelt verschmutzt. Angela Merkel macht diese schädliche Einstellung jetzt international hoffähig.